Pferdefreundschaften

Sozialkontakte gehören zum Pferdewohl. Aber was wissen wir wirklich über Freundschaften zwischen Pferden?

Eigentlich tun wir alles, um optimale Lebensbedingungen für unsere Pferde zu schaffen. Dazu gehört mindestens ein Koppelpartner. Öfter als gedacht geht der schöne Plan vom geselligen Leben auf der Koppel dennoch nicht auf. Pferde zu vergesellschaften gehört zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt. Obwohl sie sozial hochkompetent sind, stehen wir Menschen immer wieder vor Rätseln. Nämlich dann, wenn das Pferd im eigenen Sinn entscheidet. Bisweilen auch gegen unsere Vorstellungen. Grundsätzlich hat sich das Zusammengewöhnen von Pferden auf der Wiese recht gut bewährt. Gras motiviert zum Fressen und ein gemeinsames Mahl bindet. So stellen wir uns das gerne vor, und mit etwas Geduld und Vorbereitung funktioniert das recht gut. Pferde neigen jedoch dazu, eher die Ausnahme als die Regel zu sein. Und so erleben wir immer wieder Überraschungen.

So müssen Pferde, die am Paddock nebeneinanderstehen, nicht unbedingt Freundschaft geschlossen haben. Sie stehen vielleicht friedlich nebeneinander, weil sie ohnehin nichts an der Nachbarschaft ändern können. Getrennt durch ein Elektroband, haben sie sich aber dennoch nichts zu sagen. Und nur, weil sie regelmäßig gemeinsam auf Ausritte gehen, werden sie nicht zu besten Freunden. Auch der Stallgeruch spielt eine Rolle. Nach einem Umzug kann es mehrere Monate dauern, bis ein Pferd voll integriert und von den Alteingesessenen akzeptiert wird.

Sehen wir mal von Zuchtbetrieben ab, die Pferde nach Geschlecht, Jahrgang, Mutterstuten usw. sortieren, so stehen wir im Einstellbetrieb vor Herausforderungen, die ganz anders zu managen sind. Ohne auf den Offenstall einzugehen (über den ich hier schon geschrieben habe), möchte ich einen Blick auf jene Ställe werfen, in denen die Pferde in Boxen stehen. Das kann mit oder ohne Paddock sein, mit oder ohne Fenster. Sorgfältige Überlegungen zur Wahl des Nachbarpferdes machen das Leben für Pferde und Menschen einfacher. An der Ruhe in der Stallgasse merkt man, wo die richtige Gruppe zusammensteht.

Die Bedeutung sozialer Beziehungen

„Wir wissen, dass die Entwicklung und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen und hierarchischer Positionen für Pferde (…) gleich nach der Nahrungsaufnahme an zweiter Stelle steht“, sagt die Pferdeverhaltensberaterin Dr. Debbie Marsden im Magazin HORSE&HOUND*. „Das ist nicht überraschend, denn für Herdentiere wie Pferde ist es überlebenswichtig, sich anzupassen und mit anderen auszukommen. Ein Netzwerk etablierter Beziehungen ist unerlässlich, um Aggressionen zu minimieren und Energie zu sparen.“

Für Sport- Und Freizeitpferde, die oft unterwegs sind oder den Stall wechseln, ist es schwierig, einen beständigen Freund zu finden. Turniere, Trainingslager und Stallwechsel gehören für sie zum Alltag. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht einfach ist, zwei gleich alte, gut aneinander gewöhnte und ziemlich bestbefreundete Wallache nebeneinander zu halten. Zumal die sportlichen Schwerpunkte ihrer Reiterinnen in verschiedene Richtungen gehen. Dafür liegt unser Anspruch das Beste für unsere Pferde zu haben so nah, dass kein Blatt Papier dazwischen passt.

Was ihre sozialen Kompetenzen betrifft, sind Pferde zwar von Natur aus gut ausgestattet, das kann aber durch falsche Haltung oder schlechte Erfahrungen in die falsche Richtung gehen. So manchem Hauspferd ist auf seinem Weg in die wohlig eingestreute Box einiges widerfahren, von dem der Besitzer nichts weiß. Fehler in der Aufzucht und/oder Grundausbildung, sportliche Einsätze, Misshandlungen hinterlassen Spuren – wir können nicht immer einschätzen, was ein Pferd triggert.

Individuelle Entscheidungen

Und dann gibt es auch noch die Ausbrecher aus der charakterlichen Norm. Einzelgänger wie etwa der legendäre Sam von Michael Jung. Das erfolgreichstes Vielseitigkeitspferd aller Zeiten stand am liebsten allein auf der Koppel. Während andere Pferde wiederum ein Begleitpony brauchen, wenn sie aufs Turnier fahren, weil sie unter keinen Umständen alleine bleiben. Es gibt auch Pferde, die einander einfach nicht mögen – oder nicht gemocht werden. Der Artikel zum Thema Mobbing ist hier nachzulesen.

Für die Forschung bleibt das Sozialverhalten von Pferden jedenfalls ein breites Feld. Oder wie Debbie Marsden sagt: „Einfache Akzeptanz und Toleranz spielen eine große Rolle im Sozialverhalten von Pferden. Es ist schwierig für Wissenschaftler, zu messen oder zu untersuchen, was passiert, wenn nichts geschieht. Wahrscheinlich findet viel mehr Kommunikation und subtiles soziales Verhalten statt, als uns bewusst ist. Sicher ist jedoch, dass diese Beziehungen, einmal geknüpft, viele Jahre Bestand haben.“


8 Gründe, warum Pferdebesitzer ihre Pferde lieber nicht mit anderen zusammenstellen:

  • die Sorge vor Verletzungen,
  • das Preisargument – „das Pferd kostet mich so viel, da möchte ich reiten“,
  • Pferde, die miteinander spielen haben weniger Energie bei der Arbeit,
  • verlorene Hufeisen,
  • es gibt keinen passenden Partner im Stall,
  • das Pferd ist ein Einzelgänger,
  • der Aufwand ist zu groß,
  • der Stall bietet es nicht an.

* Zitat aus HORSE&HOUND

Weiterführende Links: Ich hasse dich! Mobbing im Pferdestall, Arm im Offenstall
Text & Fotos: Andrea Kerssenbrock

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