Produkttest: Der federleichte Protektor

In der Vielseitigkeit und in bestimmten Altersklassen ist das Tragen von Sicherheitswesten Pflicht. Diese Saison habe ich einen Level 3-Protektor von Komperdell getestet. Ein ehrlicher Erfahrungsbericht.

Hätte mir vor fünf Jahren jemand gesagt, dass ich noch einmal einen Protektor brauche, hätte ich gelacht. Zwischen meiner ersten und meiner aktuellen Vielseitigkeitsreiterei liegen immerhin satte 25 Jahre. In dieser Zeit bin ich hauptsächlich im Dressursattel geritten, habe mich um Beruf und Familie gekümmert und mit leiser Wehmut meine Geländefotos durchgeblättert. Nun ist das Kind aus dem Haus, die Liebe zur Natur war immer da und die Sehnsucht nach „endlich wieder Geländereiten“ geweckt.

Tatsächlich habe ich mir mit 55 Jahren noch einmal ein talentiertes Vielseitigkeitspferd gekauft. Eins mit viel Vollblutanteil, klar im Kopf und nicht zu groß. Mein perfektes Pferd.

Mit dem ersten Geländetraining war die volle Begeisterung zurück. Die Vielseitigkeit hatte mich wieder. Irgendwann hatte ich mir einen Rückenschutz der ersten Generation zugelegt. Heute kaum zu glauben, aber als in den Neunzigern die ersten Protektoren auf den Markt kamen, trug man sie noch freiwillig. Man fühlte sich einigermaßen beengt, gleichzeitig aber auch gut geschützt. Die Anforderungen in der Vielseitigkeit haben sich mit den Jahren geändert. Lange Prüfungen mit Rennbahn und Wegestrecken gibt’s nicht mehr. Kürzere Strecken und neue Sicherheitsstandards sollten den Sport weniger gefährlich machen. Protektoren im Gelände gehören seitdem zur Pflichtausstattung.

Bei einer Präsentation im Rahmen der Sicherheitstage des Österreichischen Pferdesportverbandes wurden Sicherheitswesten der Marke Komperdell vorgestellt, entwickelt und produziert in einem österreichischen Unternehmen. Das hat mich neugierig und in Folge zur Testreiterin gemacht.

Modell und Passform

Ich habe mich für das Modell Safety Vest Ultra Vario entschieden, eine zertifizierte Level 3 Weste und somit für die Vielseitigkeit zugelassen. Der Schnitt (vorne kurz, hinten lang) und die verstellbare Weite haben mir sofort zugesagt. Obwohl ich nicht gerade der burschikose Typ bin, habe ich mich nach einigem Hin und Her für Größe S entschieden. Größe M erschien mir etwas zu lang im Rücken. Mein Alter bringt gewisse Veränderungen des Körpers mit sich, an die ich mich (mit leisem Widerstand) erst gewöhnen muss. Aktuell trage ich immer seltener Kleidergröße 36 und immer öfter Größe 38 bei 1,63 m Körpergröße.

Spätestens beim Anziehen war ich froh, die Ultra Vario und nicht die Ultra Fit (ebenfalls Level 3 Zertifizierung, ohne Klettverschlüssen an der Seite) gewählt zu haben. Denn die flexibel verstellbaren Klettverschlüsse geben besonders Frauen mit mehr Brustweite etwas mehr Spielraum. Die Kletter müssen innerhalb einer roten Markierung geschlossen werden, damit die höchstmögliche Sicherheit gewährleistet ist. Hier hätte man vielleicht ein bisschen großzügiger sein können. Folglich war der Reißverschluss etwas widersetzlich beim Schließen. Ich hätte mir ein griffiges Zugband (Anm.: Platz fürs Logo) gewünscht, um den Zipp leichter hochzuziehen. Da das auf der Brust positionierte Komperdell-Logo im Bewerb durch die Startnummer verdeckt ist, wäre das sowieso sinnvoll.

Nach einem kurzen (Aufwärm-)Moment hat sich das Gefühl der Enge gegeben und ist einem kompakten Sicherheitsgefühl gewichen – dank Körperwärme passt sich der Protektor perfekt an die weiblichen Konturen an. Beim Reiten war er ab der ersten Minute angenehm weich und flexibel. Der Schnitt ermöglicht maximale Bewegungsfreiheit und erlaubt ein gutes Körpergefühl. Das Gefühl wurde beim Tragen von Minute zu Minute leichter. Beim Galoppieren und Springen spürt man die Weste überhaupt nicht. Federleichtes Reiten ist mein ständiger Anspruch in der Arbeit mit dem Pferd. Somit passt das gut.

Einsatz und Verwendung

Ich trage den Protektor im Geländetraining mit festen Hindernissen und natürlich am Turnier. Da wie dort ist er ohnehin vorgeschrieben. Ich sehe außerdem immer öfter, dass Kolleginnen beim Anreiten oder beim Beritt von Korrekturpferden eine Sicherheitsweste tragen. Das finde ich gut. Es betrifft mich persönlich allerdings nicht, da ich diese Arbeit nicht mehr mache. Das überlasse ich inzwischen der nächsten Bereiter-Generation.

Weil der Protektor so leicht ist und ich mich so beweglich darin fühle, habe ich mich zuletzt spontan entschieden, ihn auch beim Galoppieren auf der Rennbahn zu tragen. Das hat mir ein gutes und sicheres Gefühl vermittelt. Denn das Galoppieren im hohen Tempo ist auch so eine Sache, die man nicht mehr so gedankenlos wie mit Zwanzig macht. Die Unbeschwertheit hat sich natürlich aufs Pferd übertragen, das federleicht seine Runden über die Bahn geflogen ist.

Fazit

Die Safety Vest Ultra Vario ist funktionell, bequem und mit höchsten Sicherheitsstandards ausgestattet. Selbst wenn sie beim Anziehen etwas bockig wirkt (das hängt auch mit der Außentemperatur zusammen), so passt sie sich durch die Körperwärme innerhalb weniger Minuten an und vermittelt ein superbequemes Tragegefühl.

Da ich auch unterrichte und Geländetrainings für Einsteiger anbiete, wünsche ich mir ein Modell für stärkere Frauen in meiner Größe. Denn gerade Frauen, besonders Spät- und Wiedereinsteigerinnen im Freizeitsport sind sehr sicherheitsbewusst und vorsichtig. Sie wissen, dass selbst ein harmloser Sturz in unserem Alter kann fatale Folgen haben.

Das Schließen des Zipps erfordert ein wenig Zugkraft, ein griffiges Zugband (mit Platz fürs Logo) wäre hilfreich. Was sowieso Sinn machen würde, da das auf der Brust positionierte Komperdell-Logo im Bewerb durch die Startnummer verdeckt ist.

Einen Modellnamen für stärkere Frauen hätte ich übrigens auch schon: Ultra Vario plus 🙂


Turnierfotos: © Team Myrtill | Text und Trainingsfoto: © Andrea Kerssenbrock 

Die Sicherheitsweste wurde von der Firma Komperdell zur Verfügung gestellt. Ich trage auf allen Fotos die Safety Vest Ultra Vario in Größe S. Den Link dazu gibt es hier.