HorseFolk Autorin Tanja Schnuderl lebt und arbeitet in Maryland. Sie beobachtet und beurteilt die Pferdeszene und ihre Entwicklungen in Europa und den USA. Im Selbstporträt erzählt sie, „Warum ich mich nie zwischen Pferden und Recht entscheiden musste“.
Manchmal erkennt man den roten Faden seines Lebens erst im Rückblick. Bei mir waren es eigentlich immer zwei Fäden.
Der eine begann mit meiner ersten Reitstunde im Alter von sieben Jahren. Es folgten unzählige Stunden im Stall, Turniere, Ferien auf Reiterhöfen und schließlich Stallarbeit – zunächst, um den Reitunterricht und später das Leasing meines Pferdes mitzufinanzieren. Pferde waren für mich nie nur ein Hobby. Sie waren immer ein Teil meines Lebens.
Der andere Faden führte mich in die juristische Welt. Nach meiner Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten arbeitete ich viele Jahre in Anwaltskanzleien in Deutschland und später in den USA. Berufsbegleitend absolvierte ich einen Bachelor of Laws im Wirtschaftsrecht.
Als ich 2013 in die USA zog, nahm ich meine Leidenschaft für Pferde einfach mit. Ich ritt weiter, arbeitete neben meinem Beruf im Stall und übernahm nach und nach mehr Verantwortung. Ohne es damals zu ahnen, führten genau diese beiden Wege schließlich zusammen. Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass mich genau diese beiden Leidenschaften einmal zu meinem heutigen Beruf führen würden.
Heute arbeite ich exakt an der Schnittstelle zwischen Pferden und juristischen Fragestellungen – als Gerichtssachverständige, Senior Equine Appraiser* und Autorin. Dabei interessiert mich selten nur, was passiert ist. Mich interessiert vor allem, warum etwas passiert ist und was wir daraus lernen können.
Ich glaube nicht, dass gute Sachverständige alle Antworten kennen. Ich glaube, sie stellen die richtigen Fragen.

Auch bei Pferden selbst ist mir Charakter wichtiger als die perfekte Checkliste. Ein Pferd sollte für mich vor allem „kopfklar“ sein – neugierig, verlässlich und bereit, mit dem Menschen zusammenzuarbeiten. Vieles kann man einem Pferd mit gutem Training vermitteln – aber Temperament und grundlegende Wesenszüge kann man in der Regel nicht einfach antrainieren. Meine Stute Kela ist dafür eigentlich das beste Beispiel: Gesucht hatte ich ursprünglich einen dunklen Wallach, bereits in Dressur bis zur mittleren Klasse ausgebildet. Geworden ist es dann eine komplett rohe Fuchsstute. Ich kannte allerdings mehrere ihrer Geschwister und wusste, wie unkompliziert und klar sie im Umgang und beim Anreiten gewesen waren. Am Ende war mir das wichtiger als Farbe, Geschlecht oder Ausbildungsstand.
Vielleicht ist genau das der rote Faden meiner Arbeit: genau hinzusehen, Zusammenhänge zu erkennen und offen für neue Erkenntnisse zu bleiben.
Pferde haben mich gelehrt, dass Vertrauen nicht durch Lautstärke entsteht, sondern durch Klarheit, Verlässlichkeit und Geduld. Sie reagieren nicht auf Titel oder Lebensläufe, sondern auf den Menschen vor ihnen.
Mein Leben zwischen Deutschland und den USA hat meinen Blick auf Pferde und Menschen geprägt. Beide Pferdekulturen haben ihre eigenen Stärken, und ich empfinde es als Bereicherung, aus beiden lernen zu dürfen. Im Stall zu sein fühlt sich für mich nie wie Arbeit an. Rückblickend erkenne ich, dass keine Station meines Lebens ein Umweg war. Jede einzelne hat mir etwas mitgegeben, das ich heute brauche.
Deshalb musste ich mich am Ende nie zwischen Pferden und Recht entscheiden. Der rote Faden war die ganze Zeit schon da.
* Gutachterin, die offizielle Wertgutachten für Pferde erstellt. Etwa für Versicherungen, Streitfälle, Handel und Spenden
Weiterführende Links: Der sichere Stall, HorseFolk Frauen, Club für Pferdefrauen
Text & Fotos: Tanja Schnuderl
