Ein gut geführter Pferdebetrieb zeichnet sich nicht nur durch seine sichtbare Infrastruktur aus, sondern vor allem durch die oft „unsichtbaren“ Abläufe, die Tag für Tag für Sicherheit von Mensch und Pferd sorgen. Ein Gastbeitrag von Tanja Schnuderl, Expertin und Sachverständige für Pferdehaltung, Stallmanagement und Pferdeverhalten.
Ein sicherer Reitbodenbelag, intakte Zäune oder eine gute Beleuchtung sind wichtige Grundlagen. Ein ebenso entscheidender, aber häufig unterschätzter Faktor ist jedoch das operative Sicherheitsbewusstsein – also die gelebte Kultur eines Betriebes, die bestimmt, wie konsequent Arbeitsabläufe eingehalten, Risiken erkannt und Notfälle bewältigt werden.
Operatives Sicherheitsbewusstsein beginnt mit Klarheit. Jedes Teammitglied – von erfahrenen Stallmitarbeitern bis hin zu neuen Auszubildenden oder Praktikanten – sollte nicht nur wissen, welche Aufgaben zu erledigen sind, sondern auch warum sie wichtig sind.
Ein gut ausgearbeitetes Stallhandbuch, in welchem die täglichen Aufgaben und Rollenverteilung dokumentiert sind, kann dafür eine wertvolle Grundlage sein. Es ersetzt jedoch nicht die regelmäßige Kommunikation und das Vorleben guter Arbeitspraktiken. Sicheres Verhalten wirkt ansteckend. Wenn erfahrene Mitarbeiter konsequent auf korrekte Abläufe zum Beispiel beim Halftern, Anbinden, Führen oder durchdachtes Weidemanagement achten, entwickelt sich daraus ein gemeinsamer Standard, an dem sich andere Mitarbeiter orientieren.

Ein wesentlicher Baustein für Sicherheit und Effizienz ist außerdem der Informationsfluss innerhalb des Betriebes. Eine kurze tägliche Besprechung von wenigen Minuten kann bereits viele vermeidbare Fehler verhindern. Der Stallalltag ist oft dynamisch, ein neues Pferd kommt an, eine Unwetterwarnung verändert den täglichen Weidegang, der Tierarzt wird erwarted oder andere Veränderungen beeinflussen den täglichen Stallbetrieb und sollten daher frühzeitig kommuniziert werden. So arbeitet das gesamte Team mit denselben Informationen und muss deutlich seltener improvisieren und eine spontane Entscheidungen treffen, die unter Zeitdruck zu Zwischenfällen führen können.
Auch die Instandhaltung von Equipment spielt eine wichtige Rolle für die Sicherheit. Zaumzeug oder Longen die auf dem Boden der Stallgasse liegen bleiben, beschädigte Anbindevorrichtungen mit fehlenden Panikhaken oder kleinere Reparaturen, die ständig auf „später“ verschoben werden, mögen zunächst unbedeutend erscheinen. In ihrer Summe erhöhen sie jedoch das Unfallrisiko erheblich. Ein regelmäßiger Sicherheitsrundgang, der ausschließlich der Erkennung potenzieller Gefahren dient, hilft dabei, notwendige Instandhaltungsmaßnahmen frühzeitig zu erkennen und gleichzeitig das Verantwortungsbewusstsein des gesamten Teams zu stärken.
Eine gelebte Sicherheitskultur passt sich Veränderungen bewusst an, anstatt auf Probleme erst dann zu reagieren, wenn sie bereits entstanden sind. Kommt beispielsweise ein junges oder unerfahrenes Pferd in den Stall, sollten Zuständigkeiten und Arbeitsabläufe überprüft werden. Wird die Futterkammer umorganisiert, kann es notwendig sein, Beschriftungen und Lagerprozesse zu verbessern.
Werden Veränderungen frühzeitig erkannt und gemeinsam besprochen, lassen sie sich geordnet in den Betriebsablauf integrieren.
Letztlich sind die erfolgreichsten Pferdebetriebe jene, in denen Risikomanagement kein zusätzlicher Arbeitsbereich ist, sondern selbstverständlich zum täglichen Miteinander gehört. Wenn jeder seine Aufgaben und Verantwortlichkeiten kennt, offen kommuniziert und aufmerksam handelt, wird Sicherheit nicht erst zur Reaktion auf einen Unfall, sondern zu einer gemeinsamen Gewohnheit.
Über die Autorin
Tanja Schnuderl ist Gründerin von Sigma Equine LLC in den USA und anerkannte Senior Equine Appraiser der American Society of Equine Appraisers. Sie ist international als Gerichtssachverständige für Pferdehaltung, Stallmanagement und Pferdeverhalten tätig und unterstützt Rechtsanwälte sowie Pferdebetriebe bei Fragen rund um Sicherheitsstandards, Betriebsabläufe und die Ermittlung des Marktwerts von Pferden. Zusätzlich ist sie Director of International Services bei The Equine Expert LLC.
Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag erschien ursprünglich in englischer Sprache im US-amerikanischen Fachmagazin The Plaid Horse und wurde für HorseFolk ins Deutsche übersetzt und an den deutschsprachigen Sprachgebrauch angepasst.
Beitragsfotos aufgenommen im Stall Hoffrogge, Dorsten: © Andrea Kerssenbrock | Autorenfoto: privat
