Glücklich schwanger im Sattel

Mit Babybauch kann man ruhigen Gewissens reiten, man muss aber nicht. Gedanken zu den zahlreichen werdenden und Vorzeigemüttern, die strahlend durch die Turnierlandschaft traben.

Es war im Jahr 2013 als Zara Tindall die Gemüter des britischen Boulevard erregte. Kaum war ihre erste Schwangerschaft bekannt geworden, sah man sie anlässlich einer Charity Veranstaltung mit vollem Einsatz beim Polospiel. Inzwischen ist das Thema Schwangerschaft längst im Turniersport angekommen. Heute bittet eine der bekanntesten Influencerinnen des Königreichs  ihre Gefolgschaft auf Instagram um Einschätzung, ob sie denn in der inzwischen 20. Schwangerschaftswoche noch reiten oder lieber damit warten soll, bis das Baby da ist. Hallo? Die Dame ist eine gestandene Frau in ihren Dreißigern und Mutter von drei Söhnen. Wieso, frage ich mich, fragt sie ihre Community? Bin ich die Einzige, die sich darüber wundert?

Ehrlich gesagt irritiert es mich schon seit geraumer Zeit, wie das Reiten in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt als Quoten- und Sympathiemultiplikator genutzt wird. Man kann es wollen, bewundern, kritisieren oder ablehnen. Am Ende bleibt es aber eine sehr persönliche Entscheidung, die jede Frau selbst treffen muss. Profis können ihr Risiko wohl besser einschätzen als Amateurinnen, die nur gelegentlich in den Sattel steigen. Sie sind meines Erachtens darum kein Maßstab für Freizeitreiterinnen. Berufsreiterinnen können sich oft eine mehrmonatige Pause vom Sport gar nicht leisten. Es bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig, als möglichst bald zurück in den Sattel zu kehren.

Kein Raum für Super Mom

Ungeachtet der reitenden Role Models sollten wir uns vor Augen halten, dass Schwangerschaften nicht ausschließlich in Schönheit, Harmonie und grenzenloser Vorfreude verlaufen. Als Frau weiß ich, es ist normal, sich schwach und unsicher zu fühlen. Es ist auch nicht immer schön, schwanger zu sein. Die Haut, die Laune, das Körpergefühl spielen bisweilen verrückt. Wir sind genervt und nerven. Wir fühlen uns schrecklich und gleichzeitig herrlich.

Wir „normale“ Frauen müssen jedoch in unserer privaten Kulisse, dem herkömmlichen Alltag, auch in der Schwangerschaft irgendwie funktionieren. Die Versorgung von älteren Geschwisterkindern, Garten und Haushalt, Job und die Angst vor Jobverlust, vor Gehaltseinbußen – all das hört nicht auf, wenn wir das erste Ultraschallbild in Händen halten.

Pferdefrauen haben noch eine Verantwortung mehr. Sie brauchen einen Plan fürs Pferd. Wer kümmert sich, bewegt es, was fällt an Mehrkosten an? Die meisten Reiterinnen haben nicht die maßgeschneiderten Rahmenbedingungen jener Profireiterinnen oder Influencerinnen, die das wachsende Babybauchglück mit sich bringt. Jemanden, der den Sattel aufs Pferd hievt, Vor- und Nachbetreuung übernimmt – kurz, ein Umfeld, das das Leben leicht genug macht, damit es sich auch gut verkauft. Grooms, Perlen im Haushalt, unterstützende Familienmitglieder, Freunde. Marken, die Sportlerinnen mit Ausstattung unterstützen. Berater aus nächster Nähe.

Wie lange eine Sportlerin ihren Sport ausübt und wie viel die Öffentlichkeit davon mitbekommen soll, ist immer eine Entscheidung, die sie selbst trifft. So wie jede andere Reiterin auch.

„Bei einer intakten Schwangerschaft und einer gesunden, belastungsfähigen Reiterin hat das Reiten keinen negativen Einfluss auf den Verlauf der Schwangerschaft, der Entbindung und auf das Frühgeburtsrisiko“, schreibt die Frauenärztin Dr. Susanna Kramarz in ihrer Dissertation, fundiert und frei von Emotionen.

Weiterführende Links: Sport in der Schwangerschaft SZ Plus, Reiten in der Schwangerschaft HF

Text & Foto: © Andrea Kerssenbrock