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Geländeaufgaben souverän bewältigen

Geländeaufgaben souverän bewältigen

Entspanntes Ausreiten und das richtige Verhalten im Gelände müssen ebenso erlernt werden wie richtiger Sitz und Zügelhaltung. Bloß, es fehlen die Reitschulen. Wie der Ausritt trotzdem gelingt, ist hier nachzulesen.

Wo lernen Reitanfänger heutzutage eigentlich wie man einen Ausritt meistert? Das habe ich mich in letzter Zeit einige Male gefragt. Denn der klassische Schulbetrieb mit einem vielseitigen Ausbildungsangebot und geduldigen Schulpferden ist von der Pferdelandkarte weitgehend verschwunden.

Seit gut 40 Jahren begleite ich Ausritte. Damit habe ich mir bereits als Teenager meine ersten Trainerstunden verdient und habe zugleich Zeit im Sattel verbracht. Wenn ich so zurückblicke, war es ziemlich viel Verantwortung für ein Pferdemädchen. Ich habe einzelne Personen, kleine und größere Gruppen bei gemütlichen Spazierritten ebenso wie bei flotten Runden über Stock und Stein begleitet. Später habe ich als junge Reitlehrerin Fuchsjagden veranstaltet, Tagesritte organisiert und Wanderritte unternommen – stets waren Schul- und Privatpferde mit dabei. Reiterinnen und Reiter wurden begleitet und angeleitet.

Ausreiten ist für mich so selbstverständlich wie Autofahren. Da wie dort gilt: je mehr Übung man hat, desto sicherer wird man. Ich bin überzeugt davon, dass jedes Pferd – und auch jeder Reiter – vom Geländereiten profitiert.

Die Anleitung zum richtigen Geländereiten ist weitgehend verschwunden, und dabei ist nicht das gezielte Vielseitigkeitstraining über feste Hindernisse gemeint. Obwohl die Schulung außerhalb von Halle und Reitplatz ein wichtiger Baustein der Ausbildung ist, wird sie kaum angeboten. Wie reitet man in unebenem Terrain? Hinauf und hinunter? Auf holprigem Untergrund? Welchen Sitz nimmt man ein? Wann unterstützt man das Pferd und in welchen Situationen lässt man es selbst entscheiden? Wie quert man Straßen in der Praxis (und nicht nur in Prüfungsfragen für den Reiterpass)? Auf welchen Böden reite ich welches Tempo? Wie verhalte ich mich im Straßenverkehr? Wie reagieren eigentlich Pferde?

Der Wert einer entspannten Geländerunde ist kaum zu übertreffen. Regelmäßige Ausritte machen Pferd und Reiter von Mal zu Mal sicherer. Tempo und Schwierigkeitsgrad bestimmt stets der schwächste Reiter. Immer wieder moderiere ich Ausritte (oft ungefragt, weil es mir wichtig ist), gebe Tipps und vermittle Wissen. Damit stärke ich das Selbstvertrauen des Reiters, was dem Pferd wiederum Sicherheit gibt. Pferde verhalten sich im Gelände meist anders als im geschützten Raum. Sie reagieren auf Umwelteinflüsse, weil das ihrer Natur als Fluchttier entspricht. Pferde nehmen „natürliche“ Formen wie Baumstämme eher gut an und misstrauen „zivilen“ Objekten. Luftballons an Gartentoren, Mähroboter, Hüpftrampolins und Plastikplanen über Holzstößen sind potenziell gruselig. Sie reagieren auf Licht und Schatten, auf Bewegungen und Geräusche. Man lernt viel über sein Pferd, wächst gemeinsam an Aufgaben, und nimmt am besten einen erfahrenen Begleiter mit. So schafft man mit Übersicht, Ruhe, Erfahrung und dem Wissen „wie ein Pferd tickt“ unendliche Trainingsmöglichkeiten in der Natur.

Fallbeispiel: Die Bachüberquerung

Ruhiges Stehen und Riechen lassen
Freier Hals für die Balance und Schenkel als Unterstützung
Die Neugier ist geweckt, das Bachbett wird entdeckt

Mein Pferd Ben ist ein perfekter Begleiter. Er kann vorne, hinten und nebeneinander gehen. Er ist souverän und strahlt Ruhe aus. In den vergangenen zwei Jahren hat Ben bestimmt ein Dutzend Pferde in ihr erstes Wasser begleitet. Er ist vorausgegangen, hat geduldig gewartet, zögernde Pferde abgeholt und stürmische mit seiner Unerschütterlichkeit gebremst. Er hat Reiterinnen glücklich und Pferde stolz gemacht. Einfach weil er da war, und weil er unbeeindruckt voran gegangen ist.

Die Bildstrecke oben beschreibt sehr gut, wie vertrauensvoll Ben neue Aufgaben löst. In diesem Fall ist es eine unbekannte Wasserpassage durch einen Bach, deren Uferlinie durch das Laub nicht klar definiert ist. Blätter treiben im Bachbett, Tiefe und Untergrund sind schwer einzuschätzen. Das Pferd schaut genau, schätzt die Lage ein, vertraut der Reiterin und löst die Aufgabe souverän. So soll Geländereiten sein. Es gibt kein besseres Gefühl!


Text: Andrea Kerssenbrock
Fotos: © Lens Of Harmony

Weiterführende Links:
Geländetraining von Anfang an
Vom entspannten Reiten im Regen
Grundausbildung Geländereiten FN