Gastkommentar von Jacqueline Zimmermann | Pferde sind keine Kanarienvögel. Sie sind auch keine Kuscheltiere.
Pferde und Ponys sind unsere Sportpartner, Freizeitgefährten und für viele von uns weit mehr als nur ein Hobby – sie sind ein Lebensinhalt. Gerade dieses enge, oft innige Verhältnis birgt jedoch eine Gefahr: Es lässt uns manchmal vergessen, was ein Pferd tatsächlich ist.
Das Pferd (Equus ferus caballus) gehört zur Familie der Pferdeartigen (Equidae) und zur Ordnung der Unpaarhufer (Perissodactyla). Pferde und Ponys sind Herdentiere, Fluchttiere und hochsensible Lebewesen mit ausgeprägter Wahrnehmung und blitzschnellen Reaktionen. Ein ausgewachsenes Pferd wiegt – je nach Rasse – zwischen 400 und über 1.000 Kilogramm. Selbst ein Pony bringt genug Kraft mit, um einen Menschen schwer zu verletzen. Nicht aus Bosheit. Sondern aus Instinkt.
Warum ich diese Feststellungen mache
Ich war kürzlich unterwegs – ausnahmsweise einmal nicht in Sachen Pferde. Die Sonne schien, ich fuhr auf einer Landstraße und bemerkte auf einem parallel verlaufenden Reitweg zwei Frauen beim gemütlichen Ausritt. Herrlicher Sonnenschein, entspannte Pferde am langen Zügel, offensichtlich ein friedlicher Moment.
„Wie schön“, dachte ich. „Das machst du hoffentlich auch bald wieder.“
Gleichzeitig ging mir durch den Kopf, ob es wirklich eine gute Idee ist, die Pferde direkt neben einer Straße mit regelmäßigem Verkehr derart entspannt am langen Zügel – beinahe nur noch an der Schnalle – gehen zu lassen. Einer Straße, auf der die erlaubten 100 km/h von manchen Verkehrsteilnehmern eher als Empfehlung denn als Höchstgeschwindigkeit verstanden werden.
Wie jeder Pferdemensch schaute ich natürlich genauer hin. Und dann … traute ich meinen Augen nicht.
Eine der Reiterinnen – offensichtlich eine junge Mutter – trug ihr Baby vorne am Körper in einer Trage.
Ich habe in meinem Leben mit Pferden vieles erlebt. Seit frühester Kindheit gehören Pferde und Ponys zu meinem Alltag.
Ich bin als Kind barfuß, ohne Sattel, ohne Helm und ohne Schutzweste mit meinem Pony Albero durch die Gegend geflitzt – mit jener unbekümmerten Selbstverständlichkeit, die Kinder eben haben. Und ehrlich gesagt: Für diese Zeit bin ich bis heute dankbar.
Aber zurück zu der Reiterin mit ihrem Baby.
Dieser Anblick hat mich schockiert.
Nicht sprachlos gemacht – denn genau deshalb schreibe ich diese Zeilen.
Denn ich fragte mich unwillkürlich: Wie sorglos muss man sein, um ein Baby dieser Gefahr auszusetzen?
Selbst das bravste, gelassenste und bestausgebildetste Pferd bleibt ein Pferd. Es denkt nicht menschlich. Es kennt keine Risikoabwägung, keine Verantwortung für ein Baby und keine Einschätzung möglicher Konsequenzen.
Ein Vogel flattert auf. Ein Hund schießt bellend aus einem Hof. Ein Traktor taucht unerwartet auf. Ein Motorrad beschleunigt mit aufheulendem Motor. Eine Plastiktüte wird vom Wind erfasst. Oder eine Stechmücke sticht an einer besonders empfindlichen Stelle.
Das Pferd erschrickt.
Es macht einen Satz zur Seite. Es steigt. Es dreht abrupt um. Es schlägt aus. Oder es macht lediglich einen Schritt zurück.
Manchmal genügt schon ein kleiner Sidestep, um eine Katastrophe auszulösen.
Das bravste Pferd der Welt ist nur einen Schreckmoment von einem Unfall entfernt.
Das Risiko mag gering sein. Die möglichen Folgen sind es nicht.
Für die Reiterin könnte ein Sturz Verletzungen bedeuten. Für ein Baby, das schutzlos am Körper getragen wird, kann derselbe Sturz verheerende oder gar tödliche Folgen haben.
Ich bin bis heute fassungslos über diese Gedankenlosigkeit.
Wer freiwillig ein Baby mit aufs Pferd nimmt, vertraut nicht seinem Pferd – sondern seinem Glück. Und Glück ist kein Sicherheitskonzept.
Nicht die Pferde und Ponys machen mir Sorgen. Die zunehmende Sorglosigkeit mancher Menschen macht mir Sorgen.
Die Szene auf dem Reitweg steht für ein größeres Problem. Es ist genau diese Gedankenlosigkeit – manchmal aus Unerfahrenheit, manchmal aus mangelnder Ausbildung, oft aber aus einer trügerischen Selbstverständlichkeit heraus –, die man immer häufiger beobachten kann. Ganz gleich, ob im hoch professionellen Turnierstall oder auf dem gemütlichen Ponyhof.
Flip-Flops beim Führen. Keine Handschuhe beim Longieren. Kinder unbeaufsichtigt zwischen Pferdebeinen. Der Helm wird „nur heute mal“ weggelassen., es ist so warm.
Vertrautheit ist schön – aber auch trügerisch.
Weil das eigene Pferd „noch nie etwas gemacht hat“. Weil es „ganz brav“ ist. Weil jahrelange Routine Sicherheit vorgaukelt.
Doch Partnerschaft mit einem Pferd bedeutet nicht, Risiken auszublenden. Im Gegenteil. Gerade wer Pferde liebt, schuldet ihnen – und sich selbst – einen verantwortungsvollen Umgang. Liebe zu Pferden zeigt sich nicht in romantischen Bildern sorgloser Freiheit. Sie zeigt sich im Respekt vor ihrer Natur.
Pferde sind keine Kanarienvögel.
Das Problem ist nicht, dass Pferde Fluchttiere sind. Das Problem ist, dass manche Menschen das vergessen.
Und genau weil sie unsere Partner sind, dürfen wir niemals vergessen, dass sie kraftvolle Fluchttiere bleiben.
Manchmal gefährdet der Mensch dabei das Wertvollste, das er besitzt – das, was er im Herzen trägt. Oder in diesem Fall sogar das, was er direkt vor seinem Herzen trägt.
HIPPOEVENT | Jacqueline Zimmermann
