Was die Pferdewelt in Amerika von der in Europa unterscheidet – und warum der Kontrast manchmal erst mit genauerem Blick Sinn ergibt. Ein Gastbeitrag von Tanja Schnuderl.
Ich werde regelmäßig von meinen pferdebegeisterten Freunden aus Europa gefragt, ob sich das Reiten und die Pferdebranche in den USA von meinen Erfahrungen in Deutschland und Österreich unterscheiden.
Die kurze Antwort ist: ja. Und zwar teilweise gravierend.
Viele dieser Unterschiede versteht man allerdings erst, wenn man nicht nur auf den Stall, sondern auch auf das System außerhalb des Stalles schaut.
Meine erste richtige Erfahrung mit einem amerikanischen Pferdestall hatte ich einige Monate nach meinem Umzug in die USA. Nicht während eines der typischen geführten Ausritte für Touristen, sondern in einer ganz normalen lokalen Stallanlage mit Einstellern. Ich wollte ein Pferd als mögliche Reitbeteiligung probereiten.
Schon in der Einfahrt beziehungsweise am Stalleingang wurde ich von großen Schildern begrüßt. Darauf stand in striktem, zitiertem Gesetzestext, dass Aktivitäten mit Pferden naturgemäß mit Verletzungsrisiken verbunden sind und dieses Risiko von den Teilnehmern akzeptiert wird. Nun gut, dachte ich, eigentlich logisch. Ein Pferd ist immerhin ein mehrere hundert Kilo schweres Fluchttier und kann auch einmal unerwartet reagieren.
Am allgemeinen Putzplatz angekommen, folgte dann aber gleich der nächste Schritt. Bevor ich auch nur ein Pferd anfassen durfte, wurde mir vom Stallbesitzer ein „Waiver“, also ein Haftungsausschluss, vorgelegt. Ein zerknittertes Stück Papier, irgendwo aus einer Ecke des kleinen Stallbüros hervorgeholt, vollgepackt mit juristischem Text in gefühlter Schriftgröße sechs.
Eigentlich war es relativ egal, was dort genau geschrieben stand, denn ohne Unterschrift kein Zugang. Kein Pferd anfassen. Kein Reiten.
Damals dachte ich mir, zugegebenermaßen ziemlich stereotypisch: Naja, Amerika eben. Hier verklagt halt jeder jeden.
Erst über die folgenden Jahre begann ich zu verstehen, dass die Sache wesentlich komplexer ist – lange bevor ich selbst als Gerichtsexpertin in Rechtsfällen tätig wurde, in denen Pferde eine Rolle spielen.
Heute besteht ein großer Teil meiner Fälle aus Personenschäden. Ein Reiter wird beim Probereiten von einem buckelnden Pferd geworfen. Ein Einsteller wird in einer Stallgasse von einem Pferd gebissen. Ein Zuschauer wird auf dem Turnier von einem losgerissenen Pferd verletzt.
Aus europäischer Sicht stellt sich dann schnell die Frage: Warum wird deswegen gleich geklagt?
Ein Teil der Antwort liegt in den möglichen finanziellen Folgen einer Verletzung.
Medizinische Behandlungen können in den USA sehr teuer werden, und auch mit Krankenversicherung können je nach Versicherungsmodell erhebliche Selbstbehalte und Eigenanteile verbleiben. Nach einem Reitunfall kommen zu einer Notfallbehandlung möglicherweise Röntgenaufnahmen, CT- oder MRT-Untersuchungen, Operationen oder Rehabilitation hinzu.
Wie schnell selbst alltägliche medizinische Leistungen Dimensionen erreichen können, die für Europäer zunächst schwer vorstellbar sind, habe ich in diesem Jahr selbst erlebt: Für eine Wurzelbehandlung und zwei neue Kronen lagen die Kosten bei rund 12.000 Dollar. Meine Zahnzusatzversicherung übernahm davon 1.500 Dollar. Der Rest blieb bei mir.
Nach einem schweren Reitunfall können solche finanziellen Belastungen natürlich noch ganz andere Dimensionen annehmen.
Bei einer schweren Verletzung können zusätzlich auch Einkommensausfälle hinzukommen. Wie gut ein Arbeitnehmer während einer längeren Erkrankung abgesichert ist, hängt unter anderem vom Arbeitgeber, Bundesstaat, Versicherungsstatus und den Umständen des Einzelfalls ab. Das amerikanische System unterscheidet sich hier jedoch deutlich von den sozialen Sicherungssystemen, die viele Menschen aus Deutschland oder Österreich kennen.
Und plötzlich erscheint auch dieses zerknitterte Formular im Stallbüro in einem anderen Licht.
Der Waiver ist nicht einfach Ausdruck einer besonders klagefreudigen Pferdekultur. Er ist Teil eines Systems, in dem ein Unfall für alle Beteiligten enorme finanzielle Konsequenzen haben kann.
Kommt es tatsächlich zu einem Rechtsstreit, stellt sich wiederum eine ganz andere Frage: Wer trägt Verantwortung für das, was passiert ist? Der Stallbesitzer? Der Besitzer des Pferdes? Der Trainer? Oder niemand, weil es sich schlicht um eine unvorhersehbare, instinktive Reaktion eines Pferdes handelte? Genau dort wird es interessant.
Denn ein unterschriebener Haftungsausschluss bedeutet nicht automatisch, dass ein Pferdebetrieb von jeder Verantwortung befreit ist. Genauso wenig bedeutet eine Verletzung automatisch, dass jemand etwas falsch gemacht hat. Entscheidend ist häufig, was vorher bekannt war, welche Risiken vorhersehbar waren und welche Maßnahmen unter den jeweiligen Umständen vernünftig gewesen wären.
Vielleicht ist es ein bisschen wie mit der berühmten Geschichte von der Frau, die McDonald’s verklagte, nachdem sie sich an Kaffee verbrannt hatte. Auch ich kannte diese Geschichte aus Deutschland lange nur als Beispiel dafür, wie absurd das amerikanische Rechtssystem angeblich sei. Erst später lernte ich, welche schweren Verbrennungen, Operationen und tatsächlichen Hintergründe hinter diesem Fall standen.
Mit den Haftungsfragen in der Pferdewelt ging es mir ähnlich.
Heute sehe ich die Warnschilder am Stalleingang und den obligatorischen Waiver anders als damals. Natürlich gibt es auch hier übertriebene Klagen. Und es gibt Pferdebetriebe, die scheinbar glauben, ein unterschriebenes Blatt Papier ersetze gutes Management. Das tut es nicht.
Aber ich habe gelernt, dass viele Unterschiede zwischen der amerikanischen und europäischen Pferdewelt erst verständlich werden, wenn man das System rund um den Stall versteht. Gesundheitskosten, Versicherungen, Arbeitsbedingungen und Haftungsfragen enden eben nicht am Stalltor. Sie beeinflussen, wie Betriebe organisiert werden, wie Risiken betrachtet werden und warum manche Dinge hier selbstverständlich sind, die mir bei meiner Ankunft völlig befremdlich vorkamen.
Vielleicht ist genau das eine der interessantesten Erkenntnisse meiner Jahre in den USA: Manches, was von außen zunächst sehr amerikanisch – und vielleicht sogar ein wenig absurd – erschien, ergibt heute erstaunlich viel Sinn, weil ich die Zusammenhänge dahinter besser verstehe.
Text & Foto: © Tanja Schnuderl
