Der Traum vom Pferd im eigenen Zuhause lebt in vielen Köpfen. Die Vorstellung ist so romantisch wie der Aufwand beträchtlich. Aufzeichnung einer Erzählung.
„Wir haben eines Tages nur noch gearbeitet und sind überhaupt nicht mehr zum Reiten gekommen“, hat mir eine Freundin anvertraut, die nach über zehn Jahren des Schuftens und Mistens, des Ärgers und der Frustration das Handtuch geschmissen hat. Sie hatte die Idee, die viele von uns haben. Ein kleines Haus mit viel Grund, irgendwo am Land und mit der Möglichkeit für Pferdehaltung. Nach langer Suche gefunden, Pläne geschmiedet, bewohnbar gemacht, Ställe und Zäune gebaut, schließlich die zwei eigenen und das Pferd einer Freundin ins neue Zuhause geholt.
Schon die Suche nach einem geeigneten Objekt gestaltete sich mühsam. Einzellage oder doch lieber Dorf? Keine Nachbarn oder möglicherweise unangenehme? Angeschlossen ans Kanal-, Wasser- und Stromnetz oder Senkgrube, Brunnen und hohe Aufschließungskosten? Leistbar in der Pampa oder Kredit? Die Bezirke Mistelbach und Gänserndorf sind immer noch vergleichsweise günstig, kamen aber nicht in Frage. Also Burgenland. Langer Weg zur Arbeit. Homeoffice. Stall- und Renovierungsarbeiten. Der regelmäßige Blick aufs Konto. Dinge funktionieren anders als geplant. Die Pferde kommen zu kurz, stehen im Garten herum, der Misthaufen wächst. Die Reitmöglichkeiten sind enden wollend, denn nicht jeder Bauer gibt seine Wege frei und ein wetterfester Platz ist erst nach den Bauphasen 1+2 vorgesehen. Also übernächstes Jahr. Bestenfalls.
Man hatte einen Streckhof in einem kleinen Dorf gefunden. Die Eingliederung in die Dorfgemeinschaft war holprig. Die Freundin lebte in wilder Ehe mit einer Frau, so dachten die Nachbarn. Sie waren erstmal gegen alles und schwer zu überzeugen. Ewige Themen waren der Misthaufen wegen des Gestanks und der Reitplatz wegen des Staubs, wenn im Sommer doch alle ihre Wäsche im Garten trocknen wollten.
Im dritten Jahr gab es immer noch keinen Reitplatz. Die Stute erwartete inzwischen ein Fohlen (damit sie wenigstens irgendeine Aufgabe hatte). Die Freundin war zurück in die Stadt und ihr Pferd in einen Reitstall gezogen. Überglücklich postete sie zuerst das schön gepflegte Dressurviereck und dann die Reithalle mit der verspiegelten kurzen Seite. Die Freundschaft war auf Pause und der Hof ging langsam in einen Winterschlaf über, der länger anhielt als der Winter dauerte. So ging es Jahr um Jahr dahin. Erst war man allein, dann einsam und schließlich wurde man ein bisschen wunderlich.
Die Kosten für die Renovierung stiegen, aber das Gehalt nicht mit. Immerhin, im Homeoffice sparte man Zeit und Treibstoffkosten. Eine neue Freundin nistete sich ein. Sie wohnte im provisorischen Gästezimmer, ihr Hund vertrug sich nicht mit dem Hofhund und das Pferd hatte jeden Morgen einen neuen Kratzer, was die Freundin im Gästezimmer nicht lange aushalten konnte. Erst wurde eine Lösung fürs Pferd gesucht, dann diskutiert, später gestritten und schließlich wieder ausgezogen.
Das Haus wurde wie das Leben zu einem Fass ohne Boden. Ihren 50. Geburtstag hat die Freundin ordentlich gefeiert. Das Projekt Ponyhof war abgeschlossen, der Kaufvertrag unterschrieben und die Anzahlung auf dem Konto. Sie konnte ordentlich einen ausgeben und ihre beiden Pferde in einem schönen Stall am Rande der Stadt unterbringen.
Ich kenne das Leben auf dem Bauernhof seit ich ein Kind war und das auf dem Pferdehof seit ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht und Reitlehrerin geworden bin. Diese Geschichte ist nicht meine. Hinter den Traum vom eigenen Hof habe ich ohne Wehmut einen Haken gesetzt. ✅
Ihr habt eigene Erfahrungen zu dem Thema? Gerne mitreden oder einen Kommentar hinterlassen!
Text & Foto: © Andrea Kerssenbrock
