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Thema Anlehnung – zu tief und zu eng

Thema Anlehnung – zu tief und zu eng

Meine beste Freundin ist sehr kritisch, wenn es um korrekte Anlehnung und ein zufriedenes Pferdemaul geht. Manchmal will die korrekte Haltung aber einfach nicht gelingen. In diesem Beitrag geht es um zu tiefe Nasen und zu enge Pferdehälse. Mit zwölf Tipps zur Verbesserung der Anlehnung.

Für das Pferd ist die in den Richtlinien für Reiten und Fahren definierte „stete und weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdmaul“ die mit Abstand die komfortabelste. Es ist jene Anlehnung, in der das Pferd sein Potential optimal entfalten, seine Muskeln an den Stellen entwickeln kann, wo sie hingehören. Es ist, wenn man so will, die feine Verbindung, die ein Pferd physisch und psychisch gesund erhält.

Um ein Pferd in Anlehnung zu reiten braucht es einen Reiter mit einem ruhigen, ausbalancierten und unabhängigen Sitz. Das setzt schon einiges an Können und Reiterfahrung voraus. Denn es bedeutet, dass die Reiterin Zügel-, Gewichts- und Schenkelhilfen aufeinander abstimmen kann. Mängel in der Basisausbildung gehen immer zu Lasten des Pferdes.* Um es gesund zu erhalten muss das Pferd lernen, fleißig abzufußen und den Schub aus der Hinterhand über den aufgewölbten Rücken und das Genick bis an das Gebiss zu übertragen. Hält das Pferd den Rücken fest, weil es nicht genügend abfußt, und wirkt der Reiter vorrangig mit Hand ein, führt das zu Muskelverspannungen. Taktstörungen, Kopfschlagen, Zähneknirschen oder Zungenfehler können erste Anzeichen von Überlastung sein. In der Folge leidet der gesamte Bewegungsapparat des Pferdes.

Es gibt viele Arten für ein Pferd sich der korrekten Anlehnung zu entziehen. Ob es nun gegen die Hand geht, sich aufrollt, einrollt, pullt oder mit dem Kopf schlägt, angenehm davon ist nichts. Weder für den Menschen noch für das Tier.

Zu tief

Durch die selektive Pferdezucht der letzten Jahrzehnte haben wir heute das Vergnügen Sportpferde zu reiten, die mit einem extrem leichten Genick ausgestattet sind. Pferde, die bisweilen schwierig an die Senkrechte zu bringen sind – etwa, weil ihnen die Kraft in der Hinterhand fehlt. Sie kommen mit der Nase hinter die Senkrechte. Eine mangelnde Basisausbildung des Reiters begünstigt diese Haltung. Christoph Hess, Ausbildungsbotschafter der deutschen FN, hat dazu eine klare Meinung: „Diese Pferde setzen ganz andere als ‚normale‘ Reiter voraus. Denn um sie in Dehnung zu bekommen, muss man sich trauen sie mit dem Schenkel zu reiten. Ist ein Reiter dazu nicht in der Lage, weil er etwa nicht couragiert genug ist, beginnt das unangenehme Ziehen am Zügel.“

„Die Anlehnung wird vom Pferd gesucht und vom Reiter gestattet“, sagt ein kluger Merksatz.  Anlehnung entsteht, wenn das Pferd von hinten ans Gebiss heran tritt. Dazu braucht es treibende Hilfen und den richtigen Takt. Wichtig: Auch gehfreudige Pferde müssen sich treiben lassen ohne dabei zu rennen.

Auf den folgenden Fotos kann man sehr gut sehen, wie schnell das Pferd seine Form ändert. Die Bilder entstanden innerhalb einer Trainingseinheit bei einem Lehrgang mit Reitmeister Martin Plewa. Das Pferd war anfangs sehr knackig und etwas angespannt in der ungewohnten Umgebung. Die Außentemperatur war kalt und der Energiepegel hoch. Als Reiterin hatte ich gut zu tun, den Kerl vors Bein zu bekommen. Sein Vertrauen in mich und eine maßgeschneiderte Lösungsphase unter kundigem Auge haben schnell Wirkung gezeigt. Ben hat schon nach kurzer Zeit den Weg in die Losgelassenheit  gefunden und sich in der Form und in dem Rahmen präsentiert, die wir uns wünschen.

Eng und tief mit strammer Muskulatur zu Beginn
Verbesserung der Haltung durch lösende Arbeit
Der Hals ist die Balancierstange, Unterricht bei Martin Plewa

Als Betrachter von außen ist man oft viel zu fokussiert auf die Kopfhaltung. Das ist ein Übel, das sich besonders seit der Rollkur-Thematik in vielen Köpfen festgesetzt hat. Gegen die Hand ist für jeden Laien klar erkennbar. Doch eine Kopfhaltung hinter der Senkrechten bedeutet nicht automatisch, dass ein Pferd „in Rollkur“ geritten wird. Die Ursachen für zu tief eingestellte Pferde liegen stets im Hinterbein. Und manchmal fehlt den jungen Pferden einfach noch die nötige Tragkraft, um mit dem Genick höher und mit der Nasenlinie vor die Senkrechte zu kommen.

Beim guten Ausbilder findet das Pferd den Weg nach vorne. Durch den Schub aus der Hinterhand dehnen sich Hals-, Rücken- und Bauchmuskulatur. Pferde, die hinter die Senkrechte kommen, müssen lernen bei aktivem Hinterbein von hinten nach vorne in die Hand zu ziehen. Die Vorstellung „Ich schiebe das Maul vor mir her“ ist eine passende Metapher. Um das Pferd in eine ehrliche Anlehnung zu bekommen, ist die Öffnung des Ganaschenwinkels entscheidend. Eingerollt kann der Hals seine Funktion als Balancierstange nicht wahrnehmen. Das Pferd verspannt sich, die Rückentätigkeit geht verloren.

Zu eng

Auch beim Pullen, bei dem sich das Pferd mit engem Hals auf das Gebiss legt und versucht wegzulaufen, gehen Rückentätigkeit und Balance verloren. Wie der Name schon sagt zieht (engl. to pull) das Pferd mehr oder weniger heftig nach vorne. Es ist schwer zu halten und ebenso schwer zu steuern. Als Reiter hat man das Gefühl ständig bergab oder in Boden hinein zu reiten. Dabei die Kontrolle zu behalten ist ein Kraftakt für den Reiter.

So absurd es klingen mag, auch in diesem Fall muss der Reiter wieder zum Treiben kommen. Ziel ist es, das Pferd vor sich zu bekommen und wieder ein „Bergauf-Gefühl“zu erlangen. Kurze Paraden hintereinander – auch einseitige – helfen, den (Dauer-) Zug vom Gebiss zu nehmen. Tipp: Mit einer Zügelbrücke auf dem Widerrist kann der Reiter sich abstützen.

Eine gute Übung für pullende Pferde ist das Reiten von vielen Übergängen und Wendungen. Dabei sollte man versuchen, so sanft wie möglich einzuwirken, damit das Pferd wieder Vertrauen in die Hand bekommen kann. Beruhigende Stimmhilfen sind ein guter Verstärker. Trab-Halt-Paraden unterstützen die Geschmeidigkeit der Hinterhand, das Pferd nimmt Last auf und kommt im besten Fall wieder vor das Bein. Merke: Einer Parade folgt immer das anschließende Nachgeben der Hand.

Besonders unangenehm empfinde ich persönlich das Aufrollen des Pferdes. Man fühlt sich total hilflos, wenn man als Reiter einen hohen runden Hals vor sich hat, das Pferd immer „größer“ wird und dabei keinen Zug in die Hand bekommt. Die Verbindung zum Pferdemaul geht verloren, der Zügel hängt durch, das Pferd verhält sich und wird im gesamten Bewegungsablauf kurz. Ein ähnliches Gefühl stellt sich ein, wenn das Pferd die Zunge über die Trense legt. Auch dann geht die Verbindung gefühlt ins Leere, das Pferd rollt sich auf. Bestenfalls hilft ein Zaumzeug-Check und die korrekte Anpassung des Gebisses löst das Problem.

In korrekter Anlehnung zu reiten bedeutet immer über den Rücken zu reiten. Voraussetzung dafür ist und bleibt ein losgelassener, ausbalancierter und geschmeidiger Sitz des Reiters. Nur der ermöglicht eine gefühlvolle Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Der Reiter rahmt sein Pferd aus dem Sitz heraus mit Gewicht und Schenkeln sowie über die Zügel ein. Die Anlehnung ist dabei niemals starr, sondern dynamisch. Sie wird manchmal etwas stärker und dann wieder leichter mit dem Ziel die Verbindung so beständig und fein wie möglich zu halten.

Den Traum vom leichten Genick hat wohl jeder Reiter. Umgekehrt hat wahrscheinlich auch so manches Pferd den wiederkehrenden Traum von der weichen Reiterhand.

12 Tipps zur Verbesserung der Anlehnung:

  1. Lebenslange Sitzschulung des Reiters
  2. Das Pferd die Anlehnung suchen lassen
  3. Durch Treiben das Pferd vor den Schenkel bekommen
  4. Schenkelweichen, Schenkelweichen, Schenkelweichen
  5. Gedanklich zur Hand hinreiten
  6. Manche Pferde tun sich im Galopp leichter als im Trab
  7. Kurze Reprisen, das Pferd nicht müde reiten
  8. Die Hände grundsätzlich ruhig am Widerrist
  9. Das Pferd sich öffnen lassen
  10. Positive Körperspannung aufbauen
  11. Erst aussitzen, wenn der Rücken locker ist
  12. Immer wieder Dehnungshaltung fordern

→ Ich freue mich über Anregungen und Gedanken in den Kommentaren ↓


*Mängel in der Beweglichkeit übrigens auch, aber das ist eine andere Geschichte.

Text: Andrea Kerssenbrock
Beitragsbild: Lens Of Harmony
Fotoserie im Bericht: Henrietta Göttinger

Dieser Artikel wurde in längerem Umfang im Jahr 2020 in der Printausgabe der Pferderevue erstveröffentlicht.

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