Vor zehn Jahren habe ich meine gewohnte Welt verlassen und bin nach Turkmenistan gereist. Die Erinnerungen an ein isoliertes Land und die Prunksucht eines autokratischen Präsidenten sind auch in unserer Weltpolitik erschreckend real geworden.
Die Reise zum jährlichen Pferdefest im April 2016 war nur mittels Einladung der turkmenischen Botschaft möglich. Ich bin als Pferdefrau und Gründerin von HorseFolk angereist, Journalistin ist keine Bezeichnung mit der man in diesem Land weit kommt. Möglicherweise wäre am Flughafen in Baku Endstation gewesen. So sind ich und meine Begleiterin mit einigen Funktionären deutscher Pferdezucht- und Landesverbände in Ashgabat gelandet, der futuristischen Hauptstadt Turkmenistans.
In den zehn Jahren sind Veränderungen passiert. Zweifellos in eine Richtung, die wir so nicht erwartet haben. Auch in der westlichen Hemisphäre haben wir einen Präsidenten mit Allmachtsfantasien, Politiker träumen von Triumphbögen und Rassenelite. Turkmenistans Eliterasse ist der Achal-Tekkiner. Ein Pferd, dessen Schönheit und Kraft mit einem mehrtägigen grandiosen Spektakel gefeiert wird, an dem eine Auswahl an Gästen teilnehmen darf. Die folgende Reisereportage ist zeitlos und wurde auch als Titelgeschichte in der Pferderevue veröffentlicht.
Weiterführende Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Turkmenistan Titelfoto: © Bettina Hegenbarth | Fotos Galerie & Text: © Andrea Kerssenbrock
Die Himmelspferde von Turkmenistan
Nach Turkmenistan zu reisen bedeutet, die gewohnte Welt hinter sich zu lassen. Im wilden Land am Kaspischen Meer treffen Jahrtausende alte Kultur und utopische Prunkbauten eines eigenwilligen Präsidenten aufeinander. Das Pferd spielt da wie dort eine zentrale Rolle. Pferde, genauer Achal-Tekkiner Pferde, waren der Grund dieser besonderen, sehr privilegierten Reise ins Herzen Zentralasiens. Sie sind ebenso einzigartig wie das Umfeld, in dem sie seit zumindest 3.000 Jahren gezüchtet werden. Und weil Turkmenistans Präsident Gurbanguly Berdimuhamedov große Auftritte genauso liebt wie seine Himmelspferde, lädt er alljährlich zum „Tag des Pferdes“ ein, einem rauschenden Pferdefest im dafür eigens errichteten Pferdesportzentrum mit Rennbahn. Jedes Jahr im April sammeln sich Pferdemenschen aus aller Welt, zahlreiche Gäste der stan-Staaten (Kirgistan, Usbekistan, Kasachstan) und ex-Sowjetstaaten, Manager aus der internationalen Wirtschaft sowie Pferdezüchter, Vertreter:innen von Zuchtverbänden (Hannoveraner, Oldenburger, Westfalen,…), Tierärzt:innen, Wissenschaftler:innen, Ausbilder:innen und Journalist:innen zum mehrtägigen Fest rund ums Pferd. Es ist eine perfekte Veranstaltung, um Kontakte zu knüpfen, Wirtschaftsinteressen zu pflegen und dabei die Kultur der Turk-Völker, ihre lange Vergangenheit als Nomaden und Pferdemenschen zu erahnen. Die Reise ist aber auch ein Husarenritt in einem autokratisch regierten Land, das in einem Atemzug mit Nordkorea genannt wird. Man kann sich kaum auf etwas vorbereiten, von dem es so wenige Informationen gibt. Jedenfalls teilen wir die Liebe zum Pferd. Und wir vertrauen auf unsere Mittelsfrau Katharina Jakob, die den Ablauf dieses Besuchs mitgestaltet hat. Am besten blendet man die irritierenden Prunkbauten, die überdimensionalen Denkmäler und den absoluten Glanz der modernen Hauptstadt Ashgabat aus und lässt sich auf die Menschen und Pferde ein. Deswegen sind wir ja hier. Der ziemlich unterkühlten Abfertigung am Flughafen – die Beamten haben unsere Pässe und die Visa sehr streng kontrolliert – folgt ein überaus gastfreundlicher, man möchte fast sagen warmherziger Empfang in der modernen Ankunftshalle. Die meisten Passagiere der Lufthansa-Maschine waren schon in Baku von Bord gegangen. Übrig geblieben sind ein paar deutsche Pferdezuchtexperten und mit mir zwei Österreicherinnen. Niemand wusste so recht, was ihn erwartete. Schon bei der Ankunft war klar, dass man als guter Gast besser den Anweisungen im Gastgeberland folgt. Andernfalls läuft man Gefahr erst seinen Begleiter und danach sich selbst in eine unangenehme Situation zu bringen. Unser Begleiter war immer an unserer Seite. Sein hervorragendes Deutsch hat er auf der bayrischen Alm gelernt, wo er im Rahmen eines Studentenprogrammes ein Praktikum absolviert hatte. Er war so eine Art Best Buddy, der Fragen zu den richtigen Themen sehr gerne, mit viel Wissen und ein wenig Landeskolorit zu beantworten wusste. Weniger attraktive oder politische Fragen liefen, begleitet von einem strahlenden Lächeln, ins Leere. Die stellten aber ohnehin nur die Herren aus Deutschland. Am liebsten beantwortete unser Begleiter Fragen zu den Pferden – und aus diesem Grund waren wir ja auch hier.Zuerst das Pferd
Turkmenen haben eine sehr enge Bindung zu ihren Pferden. Sie sind ihr Stolz, ihre Leidenschaft, ihr Reichtum und ihr Ruhm. Seit Jahrtausenden begleiten sie Nomaden durch die Steppe und werden als Kriegspferde im Kampf eingesetzt. Die innige Bindung zu seinem Bezugsmenschen ist eine der bemerkenswertesten Eigenschaften des Achal-Tekkiners. Außerhalb der Gestüte leben meist wenige Pferde, manchmal sogar nur eines, im Familienverband. Die Pferde haben ihren Auslauf rundum Jurten und Hütten und kehren am Abend zurück. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Achal-Tekkiner zum Schutz vor klirrende Kälte die Nächte in den Innenräumen der Zelte und Häuser verbringen. Besonders Fohlen beschützt man so vor strenger Kälte. Selbst wenn sich Achal-Tekkiner gut an die kargen Lebensbedingungen angepasst haben, so sind sie aufgrund ihres kurzen Haarkleides und der empfindsamen Haut relativ kälteempfindlich. Um sie warm zu halten, werden sie auch mit festen Filzschabracken eingedeckt. Das mag erstaunen, hat aber auch den Vorteil, dass die Pferde keine Energiezur Regulierung des Wärmehaushalts aufbringen müssen. Ansonsten ist der Achal-Tekkiner äußerst genügsam. Trockene Sommer und kalte Winter kennzeichnen das kontinentale Klima, in dem die Pferde leben. Sie ernähren sich vom kargen Steppengras und benötigen kaum Kraftfutter. Getreide ist ein überaus wertvolles Gut und wird in sehr kleinen Rationen von Hand verabreicht. So geht kein Korn verloren, zudem wird die Bindung des Pferdes zum Menschen durch das Futterritual einmal mehr gefestigt. Achal-Tekkiner sind sogar bescheidene Trinker. Man sagt gar, dass ein Achal-Tekkiner bis zu vier Tage lang ohne Wasser auskommen kann. In Pausen regenerieren sie schnell und sind nach kurzer Zeit wieder startklar.Der Achal-Tekkiner
Der Achal-Tekkiner wird seit annähernd 3.000 Jahren gezüchtet und ist damit eine der ältesten Pferderassen der Welt. Er gilt er als Begründer der arabischen und englischen Vollblutzucht, da er zur Veredlung der europäischen Rassen eingesetzt wurde. Ein Name, der besonders oft in Pedigrees auftaucht, ist der in Russland geborene Hengst Turcmainatti, der vermutlich ein Achal-Tekkiner war. Er kam 1791 in das Brandenburgische Haupt- und Landgestüt Neustadt (Dosse) und lieferte dort allein 16 Beschäler für das Hauptgestüt Trakehnen und die ostpreußischen Landgestüte, wo er als Vollblutaraber (ox) geführt wurde. Byerley Turk, einer der drei Begründer des Englischen Vollbluts, dürfte ebenfalls turkmenischer Abstammung sein. Seinen Namen trägt das Pferd aufgrund seines Herkunftsgebietes Achal-Teke am Rande der Wüste Karakum. Besondere Ausdauer und Härte kennzeichnen diese Rasse und machen sie besonders auf langen Distanzen zu unentbehrlichen Partnern. Ihr Durchhaltevermögen stellten sie 1935 bei einem Ritt von Ashgabat nach Moskau eindrucksvoll unter Beweis, wo sie unglaubliche 4.300 Kilometer zurücklegten. Das Exterieur des Achal-Tekkiner Pferdes ist unverkennbar und eigenwillig. Es mag auf den ersten Blick filigran wirken, doch bei genauerem Hinsehen erkennt man ein typvolles, hartes Pferd mit einem sehnigen, schlanken Körperbau. Der lange, hoch angesetzte Hals und die hohe Kopfhaltung unterstreichen die Eleganz dieser Edelrasse. Der Blick ist klar, das Auge ausdrucksvoll, die Ohren gespitzt – so präsentiert der Achal-Tekkiner seine sanfte Seite wie auch das Temperament, das Feuer, das in ihm steckt. Am bekanntesten ist der Achal-Tekkiner jedoch für sein Fell, dessen Glanz in der Tat einmalig ist. Erklären lässt sich der metallene Schimmer mit der einzigartigen Haarstruktur. Das Fell besteht aus hohlen Haaren, die im Laufe der Evolution entstanden sind, um die Temperaturschwankungen zwischen sehr heißen Tagen und sehr kalten Nächten auszugleichen. Dieses hohle Haar(-kleid) ist der Grund für die extreme Goldschattierung bei Goldfalben, den leuchtenden Kupfertönen bei Füchsen und generell für den Glanz, der sich je nach Lichteinfall ändert. Nur reinerbige Pferde tragen das hohle Haar. Bei Einkreuzung mit anderen Rassen verschwindet es in der ersten Generation. Achal-Tekkiner gibt es in allen Farben, jedoch keine Schecken. Mit einem Stockmaß von ca. 150 cm haben sie eine angenehme Größe.Ein Pferd für Könige – und Präsidenten
Katharina Jakob ist eine Expertin für die Rasse, Züchterin und bestens vernetzt im turkmenischen Pferdesport. Durch zahlreiche Trainingsaufenthalte und die Organisation der europäischen Einladungsliste zum jährlichen Pferdefestival zählt sie zum engen Kreis des Präsidenten, wenn es um Pferde geht. Sie beschreibt Staatsoberhaupt Gurbanguly Berdimuhamedow als absoluten Pferdeliebhaber, der auch gerne selber reitet: „Der Präsident ist seinen Pferden extrem zugetan und sehr interessiert. Er besucht regelmäßig die staatlichen Gestüte und pflegt den Kontakt zu den Pferden mit großer Begeisterung. Dabei strahlen seine Augen.“ Der exzentrische Päsident mit dem großen Herzen für Pferde, Prunk und die Farbe Weiß hat in seiner Regierung sogar einen eigenen Pferdeminister bestellt, den einzigen weltweit. In kaum einem Land spielt das Pferd eine größere Rolle als hier. Es ist an Hausfassaden, Brunnen und Denkmälern zu sehen. Unzählige Gemälde zeigen Pferde und den Präsidenten mit seinem jeweiligen Hengst. Das Pferd ist Turkmenistans Wappentier und hat quasi den Status eines „Heiligen Tieres“. Ihm zu Ehren veranstaltet Präsident Berdimuhamedow das mehrtägige Pferdefest im April inklusive Pferdemesse, Rennsport und Rahmenprogramm. Die Veranstaltung zu Ehren des „Himmelspferdes“ am „National Horse Day“ gleicht einem gigantischen Volksfest, auf dem sich alles ums Pferd dreht. In Wahrheit ist sie die Demonstration eines Herrschers, der sein Volk nach seinen Maßstäben tanzen, jubeln und galoppieren lässt. Tausende junge Menschen werfen sich in Schale, tragen uniforme Trachten, schwenken ihre Fahnen zu Ehren des Staatsoberhauptes und jubeln ihm rhythmisch zu. Die Choreografie ist atemberaubend. Und beklemmend.Das Spektakel im Hippodrom
Die Busfahrt zum Hippodrom ist streng organisiert und dauert rund zwei Stunden. Im Stadion ist die Rede von 3.000 Menschen, die auf den Tribünen Platz nehmen. Wie viele Busse auf der gut ausgebauten und mehrspurigen Schnellstraße im Konvoi fahren, ist nicht zu überblicken. Die karge Landschaft ist von einer fremden Schönheit, der Himmel strahlend blau. Hügelkuppen und Berge gehen ineinander über, Soldaten säumen die Straße – als ob einer der Busse ausscheren könnte. Flankiert und begleitet wird diese längste Buskolonne meines Lebens von zahlreichen Polizeiautos mit eingeschaltetem Blaulicht. An mehreren Checkpoints salutieren begeisterte „Zujubler“ in ihren Trachten dem Präsidenten. Je näher wir dem Pferdesportzentrum kommen, desto dichter wird die Masse an jungen Menschen, die den Ankommenden die Ehre erweisen. Eine Inszenierung auf roten Teppichen, begleitet von Fahnen, Folklore und weiteren Jubelrufen folgt. Die grelle Intensität erschüttert uns, die Gegenwärtigkeit der Propaganda hatten wir so nicht erwartet. Denn Szenen wie diese erlebt man in der Regel nicht, man sieht sie in Dokumentationen im Fernsehen. Ein einsamer grüner Teppich liegt unberührt in der Mitte und darf nur vom Präsidenten betreten werden, der jeden Moment erwartet wird. Männer in schwarzen Anzügen kehren und zupfen daran herum. Die Show kann beginnen, aber eigentlich ist man schon mittendrin. Trotz tausender Menschen funktioniert die Zuteilung zu den Tribünen und Sitzplätzen reibungslos. In der Arena werden herrliche Achal-Tekkiner Pferde präsentiert. Man mag diese Pferde feurig, sie müssen nicht ruhig stehen, sollen vielmehr zeigen, welches Temperament in ihnen steckt. Steigende Hengste werden bejubelt, ebenso piaffierende und zur Seite tänzelnde. Die Pferde sind herausgeputzt, geschmückt, tragen ihren Halsschmuck, der Zeugnis ablegt über vergangene Erfolge. Die Luft in der Arena ist geladen. Die Energie wirbelt auf Hufen herum, Anspannung ist bei Mensch und Tier gleichermaßen zu spüren. Jeder will, muss sein Bestes geben. Am Rande kollabiert ein Pferd, es war viel zu aufgeregt, ließ sich kaum halten. Man will schließlich nicht in Ungnade fallen, der Präsident soll sehen, was er zu sehen wünscht – ein Pferd schöner, temperamentvoller als das andere. Für die Männer – und es sind ausschließlich Männer – geht es um Anerkennung, Ehre und wahrscheinlich auch ein bisschen um ihr Leben. Der Erfolg bringt vielleicht ein klein wenig Wohlstand. Denn hinter den Kulissen leben die Menschen teilweise unter bitterarmen Verhältnissen, besonders auf dem Land. Der Pferdepräsentation folgt ein Auftritt des Präsidenten auf einem goldgeschmückten Hengst. Huldvoll begrüßt er seine Gäste und hält seine Ansprache. Er verteilt Preise, weiße Autos und Schlüssel zu Wohnungen an die Sieger, traut ein Brautpaar in einer grandiosen Aufführung mit Kamelen, Pferden und Kutschen. Niemand kann beurteilen, ob das realität oder Schauspiel ist. Währenddessen überwachen nordkoreanisch anmutende Securities die Tribünen, strenge Blicke, Verweise an jene, die bei der präsidialen Ansprache tratschen oder gar lachten. Später am Tag wird es ein wenig entspannter. Auf der Rennbahn finden Galopprennen und Husarenritte statt. Die Pferde sind beeindruckend schnell, werden flach wie Flunder. Auf der Tribüne werden belegte Brötchen, Naschereien, Wodka und Whisky herumgereicht. Drohnen glotzen den Besucher:innen auf den Sitzbankreihen direkt ins Gesicht und scannen sie. In der Arena reitet der Präsident nun auf die riesigen Videowalls, wahlweise mit einer weißen Taube in der Hand und/ oder einer weißen Fellmütze auf dem Kopf, der Papacha. Die Höhe dieser Kopftracht (bis zu einem halben Meter) definiert den Wohlstand ihres Trägers. Die Papacha des Präsidenten ist also recht beeindruckend. Das opulente Hutwerk aus Lammfell und funktioniert isolierend, verhindert im Sommer Wärmestau und sorgt im Winter für angenehme Wärme am Kopf.Tradition und Moderne
Das Land ist reich an Geschichte, was im Museum in Ashgabat sehr gut dokumentiert ist. Pferde nahmen und nehmen einen hohen Stellenwert in dieser Region ein. Man findet sie auf Münzen, Fliesen, Kesseln, Schmuck und Gemälden. Ebenso auf den hochwertigen Teppichen, die zum nationalen Kulturgut gehören und nicht exportiert werden dürfen. Ein sehenswertes Teppichmuseum erzählt die Geschichte des Handwerks wie auch des Lebens entlang der alten Seidenstraße. Im Gegensatz zur Jahrtausende alten Kultur stehen in der weißen Hauptstadt Ashgabat Gebäude wie aus einem Science Fiction Film. Ministerien und Banken neben utopischen Bauten wie dem Hochzeitspalast oder die zahnmedizinische Klinik in Form eines gigantischen Backenzahns. Es stellt sich uns die Frage, wer die unermesslich prunkvolle Bibliothek, das größte Riesenrad der Welt oder die grünen Parkanlagen mit den sprudelnden Springbrunnen nutzt. Eine fröhliche Hochzeit (schon wieder!) und picknickende Jungfamilien auf englischem Rasen konnten wir nicht zuordnen. Waren sie echt oder nur Teil der Inszenierung? Ich weiß es bis heute nicht. Bei einem Besuch im (menschenleeren) Einkaufszentrum haben wir uns wie Statisten gefühlt. Es gab zwar Markenware, aber nichts zu kaufen. Denn weder gibt es Geldautomaten noch Kartenzahlung in den Geschäften, bezahlt wird in der Landeswährung Manat oder mit US-Dollar. Riesige Triumphbögen, die größte Anzahl an weißen Marmorgebäuden der Welt (laut Guiness Buch der Rekorde), weitläufige Moscheen und mehrspurige Paradestraßen, auf denen nur weiße Autos fahren, sollen den enormen Reichtum zur Schau stellen, den die Gasvorkommen des Landes ermöglichen. Für die Landbevölkerung bleibt indes nur wenig. Die asphaltierten Straßen enden hinter der Hauptstadt, Einrichtungen wie Krankenhäuser bleiben unerreichbar. Kinder arbeiten auf Baumwollplantagen anstatt in die Schule zu gehen. Die Romantik des Landlebens endet in Turkmenistan mit der unerschütterlichen Liebe zum Pferd. „Wenn du morgens aufstehst, dann grüße zuerst dein Pferd, dann deinen Vater und dann deine Mutter – und dann den Rest deiner Familie“, lautet ein bekanntes Sprichwort.Bekannte Achal-Tekkiner
Mag die Wiege der Menschheit im südlichen Afrika liegen, so liegt die Wiege des Pferdes in Zentralasien. Die Domestikation des Pferdes hat ihren Ursprung in den zentralasiatischen Steppen, wo vor rund 6.000 Jahren die direkten Vorfahren des turkmenischen Pferdes von dort ansässigen Hirtenstämmen gezähmt wurden. Das Achal-Teke Pferd, wie der Achal-Tekkiner auch genannt wird, ist ein Nachkomme dieser Pferde, die fortan auf unzähligen Raub- und Feldzügen eingesetzt wurden. Mit dem Ende der mongolischen Herrschaft im 16. Jahrhundert besiedelte das Volk der Teke-Turkmenen das Gebiet südlich der Karakum-Wüste. Aus dem einstigen Nomadenvolk wurden sesshafte Bauern, die Schaf-, Kamel- und Pferdezucht wurde zur wirtschaftlichen Grundlage in der kargen Steppenlandschaft. Um die glänzenden Pferde der Nomadenstämme wurden immer wieder Kriege ausgetragen. So auch der Krieg der Himmlischen Pferde im letzten Jahrhundert vor Christus als der chinesische Kaiser Wu von Han eine Handelsmission entsandte, um himmlische Pferde zu kaufen. Nach zwei verlustreichen Feldzügen erhielt der Kaiser letztendlich 3000 Ferghanapferde. Alexander der Große soll einen reinrassigen Achal-Tekiner geritten haben. Zu den populären Vertretern der Rasse gehört vermutlich Bukephalos, dessen Beschreibungen gut dieser mittelasiatischen Rasse passen: Feine Nasenwurzel, kleines Maul, geschwungener Hals und so langbeinig wie leichtfüßig. Bukephalos trug Alexander den Großen der Legende nach fast 30 Jahre von Griechenland bis nach Indien, ein Hinweis auf seine Ausdauer und Härte, aber auch auf Treue und Verbundenheit zwischen Ross und Reiter. Das bekannteste Sportpferd dieser Rasse ist der lackschwarze Hengst Absent, der unter seinem russischen Reiter Sergei Filatov Dressurgold bei den Olympischen Spielen in Rom (1960) und 1964 die Bronzemedaille in Tokio holte. 1968 gewann er mit Yvan Kalita die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Mexiko, was einmalig in der Geschichte des Dressursports ist. Absent hielt außerdem lange Zeit den Weltrekord im Hoch- und Weitsprung. Der bildschöne Hengst war ein hervorragender Vererber in beiden Disziplinen. Der Falbe Mele-Kush war ein Geschenk an Prince Philip, der ihn gerne und oft ritt, wie etwa auf einem Familienfoto an der Seite der Queen.Weiterführende Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Turkmenistan Titelfoto: © Bettina Hegenbarth | Fotos Galerie & Text: © Andrea Kerssenbrock