Kommunikation im Pferdestall

Ob man sich in einem Reitstall wohl fühlt, hängt unter anderem vom Umgangston ab, der dort herrscht. Verantwortlich dafür ist immer der Stallbetreiber. Denn er setzt Rahmenbedingungen und gibt die Linie vor.

Wer zahlt schafft an. Das klingt nicht besonders sympathisch – und ist es auch nicht. Ich habe diesen Satz immer wieder von einem Banker gehört, als ich für ein paar Jahre in der Finanzbranche gearbeitet habe. In seiner Welt war das definitiv so. In der Pferdewelt funktioniert es ganz bestimmt nicht. Nur weil ich als Einsteller einen gewissen Betrag im Monat zahle, kann ich mir nicht erlauben, jemanden herumzukommandieren. Umgekehrt möchte ich ebenfalls respektvoll behandelt werden. Obwohl ich als Pferdebesitzerin gleichzeitig Kundin bin, gelingt die Kommunikation nicht immer auf Augenhöhe.

Klare Rahmenbedingungen. Eine Hausordnung und Stallregeln, die für alle gelten, sind schon mal ein guter Anfang. Wer Rücksicht, Umsicht und Sauberkeit verlangt, muss dies auch vorleben. Wer Angst vor Heu- und Strohdieben hat, kann – dem Preis und der Vereinbarung entsprechend – ausreichend anbieten. Wer einen Stall betreibt und findet, dass Pferde dieses und jenes „schon aushalten“ oder „nicht gleich sterben werden“ hat gar nichts verstanden. Natürlich stirbt ein Pferd nicht gleich wegen zu langer Fresspausen. Vorbeugend Magenschoner zu füttern kann aber auch keine Lösung sein. (Anmerkung: Das ist nur ein Beispiel.)

Die Kosten. Wir Pferdefrauen wollen, dass unsere Pferde bekommen, wofür wir bezahlen. Wir sind auch nicht ganz blöd oder naiv. Wir wissen schon, dass das Angebot sich nach dem Preis richtet. Wer 300 Euro im Monat bezahlt, bekommt natürlich weniger als jemand, der im entsprechenden Radius 700 Euro oder mehr auf den Tisch legt. So manche Box fürs Pferd ist teurer als eine Wohnung. Es spielt schon sehr viel Liebe mit, wenn man die einigermaßen hohe finanzielle Verantwortung dafür übernimmt. Hinzu kommt, nicht jeder Mensch kann sich sein Pferd locker leisten. Die meisten arbeiten hart für den Komfort ihrer Pferde. Manchmal verzichtet oder verschiebt man eine andere Investition, um das Wohlbefinden des eigenen Pferdes zu gewährleisten.

Die Extras. Wenn jede Dienstleistung extra verrechnet oder gar nicht angeboten wird, summieren sich nicht nur die Kosten, sondern auch die Gedanken. Wie organisiere ich die Verabreichung von Medikamenten? Wer erlöst das Pferd, wenn es stundenlang in der Hitze brütet? Die meisten Koppelunfälle passieren, weil Pferde zurück in den Stall drängen. Wer nimmt ihm die (Fliegen-)Decke ab oder gibt sie drauf? Wer sieht Verletzungen? Lahmheiten? Ob ein Eisen fehlt? Zweimal täglich in den Stall zu fahren, mag mit dem Fahrrad kostenlos sein. Wer aber ins Auto steigen muss, spürt die Spritpreise als zusätzliche Belastung.

Die Infrastruktur. Auch die Infrastruktur richtet sich nach dem Preis, das wissen wir. Wer aber Reitplätze anbietet ohne sie zu pflegen, hat de facto keinen Reitplatz. Denn Infrastruktur, die ungeeignet ist – und da gibt es viele Möglichkeiten vom Boden bis zur Staubbelastung – ist keine Infrastruktur. Eine Halle, die im Sommer nicht gefahren und bewässert wird ist so, als wäre sie geschlossen oder nicht vorhanden. Eine Toilette muss schließlich auch betriebsbereit sein, andernfalls ist es so, als wäre keine vorhanden.

Staub und Schmutz in den Ställen wirkt sich auf die Gesundheit der Pferde aus, Zugluft ebenso. Husten, Augenentzündung, Parasiten, Keime. Suboptimale Haltungsbedingungen verursachen Mehrkosten und Stress.

Wasch- und Putzplätze, an denen Pferde sich verletzen können, unzureichend gesicherte Schächte, Brunnen oder Senkgruben, durchhängende Elektrozaunbänder – die Liste lässt sich fast unendlich fortsetzen – sind in einer ordentlichen Anlage nicht akzeptabel.

Die Menschen. Ich habe echt schon viel erlebt. Verachtung gegenüber Reiterinnen ist ein absolutes Tabu. Männer, die stolz darauf sind, Frauen mit der Mistgabel zu verfolgen (keine Übertreibung!), tobende Stallbesitzer die mit ihrem Bike Pferden zwischen die Vorderbeine fahren (kein Scherz!), anzügliche und übergriffige Bemerkungen, Brüllen und nicht zu Wort kommen lassen, Verwarnungen (Schwarze Liste), Drohungen („…dann binde ich deinen Gaul an den nächsten Baum“) – die Liste ließe sich… siehe oben.

Auch keine Reaktion zu bekommen ist nervtötend. Schweigen ist eine Missachtung, mit der man als Pferdebesitzer nur schwer umgehen kann. Keine Antwort auf Nachrichten. Keine Reaktion auf Anfragen. Keine Lösung bei Problemen. Kein Feedback vom Bereiter. Häme und Hick Hack. Kommunikation ist eine Kultur, die vorgelebt wird. Einschüchterung ein Werkzeug der Schwachen.

Kante zeigen

Warum man sich als Pferdebesitzer trotzdem verbiegt oder weg duckt? Weil es uns immer um das Wohl des Pferdes geht. Weil wir immer in Versuchung sind, einen kleinen Vorteil für unser Pferd herausschlagen zu wollen. Darum dienen sich Pferdebesitzer an, so als gäbe es noch Herren und Mägde. Das gibt dem, dem wir unser Pferd anvertrauen, Macht. Bisweilen sadistische Macht. Pferde in einer Situation zu belassen, die sie stresst oder in Panik versetzt, ist unerträglich. Wer ein Pferd in seine Obhut übernimmt, trägt Sorge für dessen Unversehrtheit und Wohlergehen.

Missstände zu thematisieren ist nicht jedermanns Sache. Aber: Wer nicht eingreift, weil er sich nicht angreifbar machen möchte, hat schon verloren. Verantwortung beginnt in dem Moment, in dem ich ein Pferd übernehme – egal, ob ich der Besitzer, der Betreuer, der Reiter, der Tierarzt oder der Stallbursch bin.

Als Pferdebesitzer sind wir angreifbar und verletzlich. Wir wollen keinen Ärger, stellen uns lieber selbst in Frage. Sehen wir die Dinge vielleicht doch zu krass? Sind wir zu sensibel? Übertreiben wir? Riskieren wir einen Rauswurf, weil wir Herbstzeitlosen aus dem Heu klauben? Oder weil wir abmisten, damit unsere Pferde nicht in ihrem eigenen Dreck liegen?

Herkömmlichen Geschäftsbeziehungen funktionieren nach dem Prinzip Angebot und Nachfrage. Der Pferdesport hat andere Regeln. Es gibt wirklich wenig Betriebe, in denen alles passt. Ich kenne einige Frauen, die sich kein Pferd mehr zulegen wollen, weil sie das Stallthema leid haben. An diesem Punkt war ich noch nie. Die Pferdeliebe ist einfach zu groß. Und das Ankommen im passenden Setting zu schön. ♥

Ich freue mich auf Input, E-Mails (a.kerssenbrock@gmail.com) und Kommentare ↓. Diskretion ist garantiert

Text & Foto: © Andrea Kerssenbrock

What do you think?