Winter im Pferdestall. Wenn extreme Kälte uns in ihren Klauen hält, kann es auch für Pferde ungemütlich werden. Wie wir erkennen, ob sie unter anhaltender Kälte leiden, in 12+1 Punkten.
Bei der aktuellen Kälte wird einmal mehr offensichtlich, dass unsere Sport- und Freizeitpferde nicht mit Wild- oder Robustpferderassen zu vergleichen sind. Wochenlange Minusgrade, Bodenfrost und vereiste Flächen machen das Leben im Pferdestall nicht gerade einfach. Schon mein Stallmeister wurde nicht müde zu betonen wie empfindlich Pferde auf Temperaturstürze und anhaltende Kälte reagieren.
Dieser Winter bestätigt die Erfahrungen des Stallmeisters ein ums andere Mal. Bei uns im Stall wurde an viel gedacht und unsere Pferde sind gut vorgesorgt. Dennoch brauchen sie etwas mehr Aufmerksamkeit als sonst.
Hier die einzelnen Punkte:

@Beheizte Tränken. Selbst wenn die Leitungen nicht einfrieren – was, wenn die Pferde einfach nicht durstig sind? Je seltener sie trinken, desto eher bildet sich auf dem Wasser im Tränkebecken eine Eisschicht. Selbst ein dünner Eisfilm an der Oberfläche hält so manches empfindliche Pferd vom Trinken ab. Abhilfe schafft die regelmäßige Reinigung und das Auftunken der Wasserreste (funktioniert am besten mit Schwamm und warmem Wasser). Wenn die Tränke sauber und trocken ist, gibt’s keine Eisschicht und das Pferd trinkt eher. Das Wasser im Kübel anzubieten, erlaubt außerdem eine bessere Kontrolle wie viel das Pferd zu sich nimmt. TIPP: Temperiertes Wasser und/oder Apfelsaft im Wasser animieren. Aber Achtung! Der volle Kübel soll nicht kippen. Sonst gibt es die nächste Eisplatte im Stall.
@Raufutter. Selbst in rauen Mengen gefüttert, wirken sich Fresspausen bei Kälte drastischer aus als bei normalen Temperaturen. Denn um sich warm zu halten, brauchen Pferde Energie und die holen sie sich – erraten! – hauptsächlich übers Heu. Zuletzt habe ich beobachtet, dass Pferde als Ersatzhandlung vermehrt gefrorene Pferdeäpfel knabbern.
@Kraftfutter. Kalte Temperaturen machen Pferde lustig, heißt es. Schon, aber nur, wenn sie nicht ordentlich gearbeitet werden. Selbst wenn wir das Kraftfutter etwas herabsetzen, so dürfen wir nicht vergessen, dass wir zusätzlich zur sportlichen Leistung, die wir abfragen, auch hier die Energie gegen Kälte mitdenken müssen. Mit flüssig angesetztem Mash (Suppe) unterstützen wir den Organismus, der reichlich Flüssigkeit benötigt. Achtung! Da warmes Wasser temperaturbedingt recht schnell kalt wird, kann sich die Quelldauer für Cobs deutlich verlängern.

@Einstreu. Die dämmt bei kalten Temperaturen wesentlich besser, wenn sie großzügig bemessen ist. Gummimatten unter der Einstreu verstärken die dämmende Wirkung von unten. Matratzenstreu bietet zwar mehr Wärme im Winter, sie funktioniert aber nur, wenn sie professionell gepflegt wird und das Stallklima passt.
@Stallklima. Je frischer die Luft, desto kälter der Stall. So weit, so klar. Geschlossene Türen und Fenster sind schlecht fürs Raumklima. Atemwege und Staub passen einfach nicht zusammen, wissen wir. Zugluft senkt die Umgebungstemperatur punktuell. Pferde können empfindlich darauf reagieren. Manche Pferde weichen aus, wenn sie die Möglichkeit haben.
@Apropos Zugluft. Im Freien suchen Pferde geschützte Plätze wie Unterstände oder Windschutz durch Hecken und Mauern. Als Gruppe stehen sie eng zusammen, um sich gegenseitig Schutz und Wärme zu geben. Einzelhaltung auf Winterausläufen bedeutet oft, dass Pferde ungeschützt und allein den harten Bedingungen im Winter ausgesetzt sind.
@Deckenmanagement. Pferde mögen es warm. Und ja, sie brauchen Schutz vor frostigen Temperaturen und eisigen Stürmen. Winterdecken unterstützen die Regulation der Körpertemperatur und schützen den Bewegungsapparat vor Verletzungen, da sie die Muskulatur warm halten. Nach wochenlangen Temperaturen, die gefühlt um die minus zehn Grad oder darunter liegen, packen wir unsere Pferde individuell in 250g bis 400g-Decken. Das vertragen sie selbst in der Schrittmaschine gut, ohne zu überhitzen. Besonders empfindliche Pferde tragen ein Halsteil.


@Kältecheck. Ob dem Pferd unter der Decke warm genug ist, überprüft man am besten mit der (warmen) Hand. Sattellage, Schultern und Krupp sowie die Flanken sollen sich angenehm warm anfühlen. Die Überprüfung der Körpertemperatur erfolgt ganz einfach am Pferdeohr, das in Kopfnähe wohltemperiert sein soll. Sind Ohren und Flanken kalt, ist das ein Indiz dafür, dass die Körpertemperatur des Pferdes zu niedrig ist. Weitere Anzeichen sind das Aufrichten der Haare (Piloerektion). Hier gilt es schnell zu handeln, bevor das Pferd zu zittern beginnt: Dabei versucht es, durch Muskelkontraktionen seine Wärmeproduktion anzuheben. Damit einher gehen typische Anzeichen wie das großflächige Muskelzittern, eingefallen Flanken, ein eigeklemmter Schweif oder ein aufgewölbter Rücken. Verhaltensauffälligkeiten wie Unruhe, Apathie oder hektische Fressen sind ebenfalls Signale einer möglichen Unterkühlung. All das kostet extrem viel Energie. Darum sind Wärme und Raufutter die wichtigsten Notfallmaßnahmen fürs Pferd.
@Solarium. Nichts geht über Sonne im Stall! Im Solarium kann man ein durchfrorenes Pferd aufwärmen. Aber Achtung, 600 Kilo Pferd brauchen länger als 60 Kilo Mensch, um wieder warm zu werden. Ich pflege meine Pferde auch unterm Solarium, putze, massiere, lege Gamaschen an und sattle sogar. Dabei wärme ich meine Muskeln schon ein wenig auf und die des Pferdes ebenso. Extremtemperaturen machen erfinderisch. So lege ich etwa nach einem Ausritt einen „Wärmespeicher“ an und nutze dafür das Solarium bevor ich die Stalldecke überziehe.

@Nieren- und Abschwitzdecken. Warm anziehen heißt es auch bei der Arbeit. Ich belasse bei den tiefen Temperaturen die wärmende Nierendecke sogar in der Arbeitsphase auf dem Rücken. Beim Schrittreiten vor und nach der Arbeit lege ich eine zweite Decke übers ganze Pferd. Und wenn es übermäßig kalt ist, trabe ich die ersten paar Runden auf jeder Hand mit beiden Decken. Sobald ich meine Jacke ausziehe, nehme ich auch die obere Decke weg.
@Ausreiten. Selbst ich kann den Bedingungen im Gelände derzeit nichts abgewinnen. Überall ist es eisig, der Boden gefroren und teilweise glatt, der Wind pfeift unerbittlich und unberechenbar. Die Bedingungen sind insgesamt so ungut, dass zuletzt sogar das erfahrene Geländepferd seinen Dienst quittieren wollte, was wahrscheinlich vernünftig war. Es ist durchaus riskant, um jeden Preis über gefrorene Böden zu reiten. Selbst das Führen war dieser Tage einigermaßen verkrampft. Die eigene Beweglichkeit ist durch dicke Kleidung eingeschränkt, die Wahrnehmung durch Kapuzen, Hauben und hochgestellte Krägen gedämpft. Man braucht schon ein besonders braves Pferd und Nerven aus Stahl, um entspannt raus zu gehen. Damit der Trainingsalltag trotzdem nicht fad wird, bieten Spring- und Gymnastikstunden, Abteilungsreiten oder Geschicklichkeitsparcours Abwechslung in der Hallensaison.
@Das Pferd lesen. Wetterextreme ändern den täglichen Ablauf. Das spüren auch die Pferde. Verändertes Verhalten sollten wir ernst nehmen, es kann Unbehagen oder Unwohlsein bedeuten. Pferde, die frieren, können unruhig oder apathisch sein, sie können mehr oder weniger Appetit haben, lustlos oder müde sein. Oder sie haben mehr Lust sich zu bewegen, werden vielleicht fleißiger, schneller in ihren Reaktionen, aufmerksamer oder – federleicht. Wenn das passiert, haben wir einiges richtig gemacht.
@Reiterinnenwohlbefinden. Unser eigenes Wohlbefinden ist mindestens so wichtig wie das der Pferde. Darum: Pausen einlegen, die Handschuhe auf der (Sitz-)Heizung vorwärmen, warme Socken (die besten finde ich in der Abteilung für Bergsocken) und heiße Getränke nicht vergessen.
WeiterführendeLinks: Klirrende Kältetipps für Pferde, Und sie frieren doch, Bayrische Landwirtschaftliches Wochenblatt, Ratgeber Mein Pferd zittert,
Fotos und Text: © Andrea Kerssenbrock
