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Reitkurse beleben den Trainingsalltag

Reitkurse beleben den Trainingsalltag

Was ich von dir fordere, das KANNST du.
Martin Plewa

Was wir von Kursen erwarten, welchen Mehrwert sie haben und wie es nicht sein soll. Persönliche Erfahrungen mit nur einer Namensnennung.

In dieser Herbst-Winter-Saison bin ich viele Kurse geritten. Ich bin sie auf eigene Kosten geritten, habe leider keine Förderkriterien erfüllt. Meine Familie hatte weitgehend Verständnis für die investierte Zeit, Aufwand und Kosten. Beim letzten Kurs sickerte jedoch schon ein wenig nicht ausgesprochene Kritik durch. Wäre es nicht an der Zeit, selbst wieder einen Kurs anzubieten, so der Tenor in der Familie.

Da mein Kursbudget und ebenso meine Kursambitionen für diese Hallensaison sowieso aufgebraucht sind, hier mein Resümee: von sehr gutem Unterricht bis hin zu totaler Begeisterung und ein bisschen Enttäuschung war alles dabei. „Wozu überhaupt Kurse, wenn ihr sowieso Trainer habt bzw. seid“, hat mich ein Freund gefragt, dessen Frau ebenfalls passionierte Reiterin mit eigenem Pferd ist. Ja, warum eigentlich?

Kurse mit Mehrwert

Martin Plewa begeistert durch seine positive Einstellung und schier unendliches Wissen.

Was haben Kurse, was der regelmäßige Reitunterricht beim eigenen Trainer nicht hat? Da fällt mir einiges ein: Abwechslung, Neugierde, Lust auf Neues, Offenheit, Austausch, Geselligkeit, die Möglichkeit bei anderen Trainern zu reiten, Gruppendynamik, Interesse usw. Es ist immer ein Gesamtpaket, das den Charakter eines Kurses ausmacht. Man plant nicht nur ein paar Reitstunden, sondern ein ganzes Wochenende. Neben dem Unterricht gibt es meist auch ein kleines Rahmenprogramm wie etwa ein gemeinsames Abendessen. Gastpferde und Stallpferde vermischen sich. Es herrscht eine ganz eigene, beschwingte Stimmung.

Als Teilnehmerin überlege ich mir, wie ich mich und mein Pferd dem Kursleiter vorstelle, welche Ziele ich formuliere, eventuell eine Saisonplanung. Vom Kursleiter erwarte ich ehrliches Feedback, fokussiertes Training und den einen oder anderen Ratschlag wie ich im Alltag weitermache.

ÜBRIGENS: Wer gefilmt oder fotografiert werden möchte, überlässt am besten einer Person seines Vertrauens das eigene Handy. Nur auf dem eigenen Gerät (!) ist sichergestellt, dass niemand deine Reitkünste ins Insta-Universum oder sonst wohin schickt. Ein Kurs soll stets in einem geschützten Setting stattfinden, ohne Vorbehalte, ohne Vergleich.

Das Reiten in Kleingruppen schätze ich persönlich besonders. Dabei kann man als Reiterin immer wieder mal verschnaufen und durch Zuschauen lernen, oder sich vorstellen, wie man eine Aufgabe selbst bewältigen würde. Kurse sind dazu da, die eigene Komfortzone zu verlassen, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die man vielleicht gar nicht auf dem Radar hatte und natürlich um zu lernen.

Das gesellige Zusammensein, etwa bei einem gemeinsamen Essen, und die Möglichkeit, zwanglos Gespräche mit Pferdemenschen zu führen, runden einen Kurs perfekt ab. So sind Anekdoten von sportlichen Vorbildern immer eine Bereicherung für Reitschüler. Mein Highlight in diesem Winter war der Lehrgang mit Reitmeister Martin Plewa. Mehr als 60 Jahre als Reiter, Ausbilder, Bundestrainer, Olympiasieger und dem Wohl des Pferdes zutiefst verbundener Vortragender bieten reichlich Stoff fürs Notizbuch. Ich bin nicht nur selbst mitgeritten, ich habe mir auch ALLE Trainingseinheiten angeschaut und fleißig mitgeschrieben. Man vergisst sonst so viel. Tipp: Es lohnt sich auch für nicht-schreibende Menschen den einen oder anderen O-Ton zu notieren. Dann kann man jederzeit nachschlagen und erinnert sich besser. Etwa: „Wenn man ein Pferd mehr stellt als biegt, bringt man es aus dem Gleichgewicht“. So einfach, so klar, so selten ausgesprochen.

Gegenseitiger Respekt

Kurse bringen Abwechslung und bereichern. Selbst das Pferd spürt, dass etwas in der Luft liegt, die Atmosphäre eine andere ist. Die Stiefel sind poliert, die beste Schabracke wird aufgelegt, die Frisur sitzt bei Pferd und Reiterin. Erwartung und Motivation sind hoch. Beste Voraussetzungen für den Kursleiter, der bestens vorbereiteten Reitern gegenüber steht. Er hat sich ebenfalls gut vorbereitet, nimmt sich Zeit und geht auf jedes Pferd-Reiter-Paar individuell ein. Ich persönlich erwarte volle Konzentration auf mich. Umgekehrt verlange ich das auch von mir, wenn ich als geprüfte Reitlehrerin ebenfalls Kurse leite. Es ist gegenseitiger Respekt.

Desinteresse seitens des Kursleiters empfinde ich als vergeudete Zeit für beide. Ein paar Stangen aufzulegen oder ein paar Lektionen anzusagen ist KEIN Unterricht. Den Ausbildungsstand von Pferd und Reiter nicht nachzufragen ist bestenfalls nachlässig, schlimmstenfalls fahrlässig. Besonders bei Kursen mit weniger erfahrenen Reitern sehe ich mir auch die Ausrüstung an, hinterfrage eine Zäumung oder korrigiere die Steigbügellänge. Kurse anzubieten, bedeutet auch Interesse zu zeigen. Es bedeutet für die Teilnehmer da zu sein, für Fragen zur Verfügung zu stehen und das Beste aus Pferd und Reiter herauszuholen. Dafür sind Kurse ja da, dass man am Ende zufrieden mit sich und stolz aufs Pferd ist.

Das Gefühl nur geritten zu sein, reicht nicht aus.

Vielleicht sollte ein Kursleiter, der selbst keinen Spaß dabei hat und eigentlich mehr Reiter als Trainer ist, einfach keine Kurse anbieten. Es hilft keinem Reitschüler, wenn jemand selbst erfolgreich Grand Prix reitet oder über 1,40 m springt. Das Eigenkönnen eines Trainers schafft allenfalls Respekt. Ob sich der Unterricht gut und richtig anfühlt, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Ein guter Ausbilder braucht auch Gespür und Begeisterung für das, was er tut. So einfach ist das.

TIPP: Begeisterung und Natur in einem findet ihr in meinem Kursangebot (TR)AB in die Natur
Galoppieren trainieren im Kurs © Franziskus Kerssenbrock

Fotos: Henrietta Göttinger
Text: Andrea Kerssenbrock

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