Was wir beachten müssen, wenn Dauerfrost und klirrende Kälte unseren Pferdealltag vor winterliche Herausforderungen stellen. Inklusive 12 Tipps aus meiner Praxis.
Das Management von Reitpferden unterscheidet sich besonders im Winter deutlich von Robustpferden mit zotteligem Winterfell. Wer sein Pferd nicht geschoren hat (und deswegen ohnehin zudecken muss), achtet schon früh (also im Herbst) darauf, das Winterfell seines Pferdes kontrolliert kurz zu halten. Das gelingt gut mit rechtzeitigem Eindecken. Wenn es im Herbst nachts und frühmorgens niedrige Temperaturen hat, ist es höchste Zeit, die ersten Übergangsdecken auszupacken.

Ja, Pferde können frieren! Unsere Hauspferde sind nicht mit Wildpferden zu vergleichen, die wesentlich weniger Energiebedarf haben. Bei sehr kalten Temperaturen müssen wir besonders auf ausreichende Energiezufuhr für unsere Reitpferde achten. Das bedeutet, dass das Raufutter möglicherweise angepasst werden muss. Die Einstreu darf ebenso großzügig bemessen sein. Denn auch sie liefert Energie und sorgt vor allen Dingen für Wärme. Wir können hier durchaus Mensch und Tier vergleichen. Wenn es draußen kalt ist, schätzen wir ein warmes Bett, nahrhafte Kost und wärmende Getränke.
Jetzt im Jänner ist bei den meisten geschorenen Pferden das Fell bereits wieder nachgewachsen, der Unterschied zwischen geschorenem und kurz gehaltenem Fell ist also gar nicht so groß. Sehr tiefe Temperaturen und Wind fordern Reiter und Pferde gleichermaßen. Es beginnt beim gefrorenen Boden, der für Glatteis sorgt. Das Aussteigen aus dem Auto, der Weg zum Stall, zum Auslauf oder in die Halle verlangen eine gewisse Vorsicht. Steife Gelenke und klamme Muskulatur sind viel verletzungsanfälliger als sonst und können schon beim normalen Führen und Gehen für Verletzungen verursachen. Rutscht ein Pferd (oder Mensch) nach dem Training aus, ist das meist weniger fatal, weil wir schon aufgewärmt sind.
Extra Wärme vor und nach der Arbeit

Mit den kalten Temperaturen umzugehen ist bisweilen mühsam. Abschwitzdecken, dicke Jacken, Winterhandschuhe, Schals und Ohrenwärmer engen unsere Beweglichkeit und auch die Wahrnehmung (!) ein. Tatsächlich sind Sicht und Gehör unter Krägen, Schals und Hauben eingeschränkt. Dicke Handschuhe vermitteln weniger Gefühl beim Reiten. Die Gertenhand kühlt schneller aus. Die Nase tropft, die Augen tränen.
Weil alles ein wenig mühsamer ist als sonst, ist ein guter Start besonders wichtig. Guter Tipp: Putzen unterm Solarium wärmt Pferd und Mensch. Wer durchfroren aufs Pferd klettert, weiß ein gut erzogenes Pferd zu schätzen, das gelernt hat, geduldig zu stehen. Denn das Aufsitzen ist mit Winterstiefeln, wattierten Reithandschuhen, Jacken, Chaps und was sonst noch vor Kälte schützt wahrlich kein Kinderspiel. (Anm.: Ich spreche mit der Erfahrung meines Alters.) Auch das Nachgurten und Steigbügel einstellen unterscheidet sich wintereingepackt, mit klammen Fingern deutlich vom gewohnten Ablauf. Nicht nur die Finger sind steif, auch das Leder ist es.
Womit wir bei der Ausrüstung wären. Früher haben wir Metallgebisse unter warmem Wasser vorgewärmt und dem Pferd temperiert ins Maul geschoben. Heute haben wir eine wohlig beheizte Sattelkammer. Wer aber sein Zeug länger draußen hängen lässt, wird merken, wie steif Leder in der Kälte sein kann und wie wenig Freude das Pferd am kalten Gebiss hat. Auch Gamaschen formen sich weniger gut ums Pferdebein, wenn sie in der Kälte liegen.
Nierendecken heißen nicht ohne Grund so. Sie wärmen und schützen damit vor fester Muskulatur. Der Vorteil zu herkömmlichen Abreitdecken ist der, dass sie sich am Sattel befestigen lässt und für alle Gangarten eignet. Dafür kann man sie nicht abnehmen ohne abzusitzen. Herkömmliche Abschwitzdecken eignen sich zwar nur zum Schrittreiten, haben aber den Vorteil, dass ich mich gut miteinwickeln kann uns so weniger durchfroren in den Trab starte. Schwitzt dein Pferd im Winter, ist das Solarium kaum zu toppen. So habe ich das gute Gefühl, mein Pferd warm und trocken unter die Stalldecke zu bringen.

Apropos Stalldecke, die bei uns auch gleichzeitig am Paddock halten muss. Ich fahre momentan ganz gut mit Zwiebelschicht, weil sich so sehr einfach die oberste Decke wegnehmen lässt. Etwa, wenn es doch zu „warm“ werden sollte (mir fällt nur Föhn ein) oder eine Schicht weniger für die Schrittmaschine reicht. „Bitte die obere Decke abnehmen“ ist eine unkompliziertere Nachricht in unserer Stallgruppe als „Bitte die Decke tauschen“, zumal ich beim Deckentausch noch ausführlich erläutern muss, wo welche, nämlich die richtige Decke zu finden ist. Bei mehreren Decken übereinander ist es am wichtigsten, dass sie nicht rutschen.
Auch wenn Decken stabil auf dem Pferd liegen sollen, bin ich ein totaler Gegner von Beinschnüren. Ich habe schon einige Male erlebt, wie Pferde ausflippen, deren Beinschnüre aus Versehen nicht geöffnet wurden. Beim Versuch die Decke abzunehmen, obwohl diese noch an den Schenkeln befestigt ist, kann es echt turbulent werden. Meiner Erfahrung nach reicht ein Schweifriemen vollkommen aus. Vorausgesetzt, die Decke ist gut geschnitten und hat die passende Größe fürs Pferd.
Zum Schnitt der Decke mag ich bei sehr kalten Temperaturen gerne welche, die sich unten rum schön um den Bauch legen lassen und vorne rum ein gut geschnittenes Halsteil haben. Damit gibt es auch keine Kanten am Widerrist. Die Materialfrage ist ebenfalls sehr spannend. Polyester und Fleece sind pflegeleicht, laden sich jedoch bei Reibung elektrostatisch auf, was man am Knistern hören und spüren kann. Kunstfell finde ich extrem kuschelig, das ist jedenfalls meine menschliche Wahrnehmung. Als Naturjunkie tendiere ich eindeutig zu Baumwolle im direkten Kontakt. Deshalb bin ich gerade dabei, meine Deckenkollektion peu á peu anzupassen. Natur bleibt Natur. Auch wenn nichts gegen Füllungen aus wärmender Kunstfaser spricht, so ziehe ich für den direkten Haut- bzw. Fellkontakt Baumwolle oder Wolle vor.
Winter Specials
Zum Abpflegen im Winter gehört natürlich auch die gewissenhafte Hufkontrolle, selbst wenn ich nur den Weg vom Stall zur Halle gehe (was bei mir wirklich selten vorkommt). Gerade bei gefrorenem Boden sind die Hufe, ob beschlagen oder nicht, ungewohnten Bodenverhältnissen ausgesetzt. Bewegung fördert die Durchblutung und ist die beste Prophylaxe für einen gesunden Huf. Die sauberen Hufe pflege ich das ganze Jahr über mit der guten alten Hainzlsalbe (Hufsaum!) und für den Glanz manchmal auch mit Öl. Biotin wirkt von innen und hilft gut gegen spröde Hufe.
Man kann nicht oft genug wiederholen: Pferde trinken bei kalten Temperaturen tendenziell zu wenig. Abgesehen von mehrmals täglicher Kontrolle der Tränken – in den meisten Ställen sind sie zwar frostsicher, aber ein Blick mehr schadet nie – unterstützt ein Kübel mit temperiertem Wasser die Wasseraufnahme des Pferdes. Der Kübel hat außerdem den Vorteil, dass ich sehe, wie viel Wasser mein Pferd aufgenommen hat. Besonders trinkfaule Pferde schätzen einen Schuss Apfelsaft, um ordentlich zu trinken.
Ich glaube fest daran, dass warmes, relativ flüssiges Mash (Suppe) an kalten Tagen besonders wertvoll für die Darmflora und auch fürs allgemeine Wohlbefinden des Pferdes ist. Beim Zubereiten wird mir selbst ganz warm – und wenn ich das zufriedene Schmatzen höre, auch ums Herz. Winter macht schon Spaß!
12 Tipps für kalte Tage
- Zwiebelschicht auch fürs Pferd
- Futter anpassen – Kälte und Wind sind Energieräuber
- Mash für die Verdauung
- Biotin für die Hufe
- Auf genügend Wasser achten – Trinkfreude anregen
- Muskulatur aufwärmen (Solarium)
- Nierendecke verwenden
- Langsam starten, Lösungsphase min. 20 Minuten
- Fellpflege mit Massagestriegel, um die Durchblutung anzuregen
- Hufpflege – Cremes und Öle raumtemperiert
- Metallgebisse anwärmen
- Für die Reiterin: warme Bergsocken, Chaps, Handschuhe vorwärmen (ich setze mich auf der Fahrt in den Stall drauf und mache die Sitzheizung an), Zwiebelschicht und auf die Bewegungsfreiheit achten!
Anmerkung: Für alle Pferdebesitzer gilt es, die Wetterbedingungen im Auge zu behalten und Alter, Rasse, Größe, Ernährung, Fellbeschaffenheit (geschoren/ungeschoren) sowie die Art der verfügbaren Unterbringung des Pferdes zu berücksichtigen. In diesem Artikel beschreibe ich meinen persönlichen Winteralltag mit Pferd.
Alle Fotos und Text: © Andrea Kerssenbrock
