Now reading
Und sie frieren doch

Und sie frieren doch

Minustemperaturen sind auch im Reitbetrieb herausfordernd. Wir unterschätzen oft, wie sehr Kälte Pferden zusetzen kann. Mit Temperaturskala für die richtige Deckenwahl.

Ich habe die Kälte wieder einmal unterschätzt. Update KW 4: Die Temperaturen liegen seit mehreren Wochen deutlich unter dem Gefrierpunkt, die „gefühlte Temperatur“ laut WetterApp ist nochmal deutlich kälter – so um die minus 15 Grad! Das ist eine erhebliche Strapaze für den Pferdekörper. Wir sind nun bei 350 bis 400 Gramm gelandet, das Deckenmanagement ist ein vorherrschendes Thema, da auch im Stall die Temperatur unter der Null-Grad-Marke schrammt.

Man sagt, die Wohlfühltemperatur von Pferden kann zwischen -7 und +25 Grad liegen. Das kann ich nicht bestätigen. Deckenmanagement ist gar nicht so einfach. Meine persönliche Marke sind 10 Grad, darüber decke ich eher nicht zu und darunter schon. Meistens.

Die Frage, ob der Pferdemann friert, hat er selbst beantwortet. Bei minus neun Grad Celsius Morgentemperatur ist die Muskulatur stramm und das Gesicht verkniffen. In der Box holt er sich das Heu in die Ecke nach hinten, um dem Zug durchs Fenster auszuweichen. Das finde ich wiederum eine beachtliche kognitive Leistung. Das Training ist etwas eckiger als sonst. Pflichtbewusst statt federleicht. Können wir besser. Da meine Pferde nicht geschoren sind, habe ich die insgesamt 150 g-Füllung der Decken für ausreichend befunden. Die Natur hat mich eines besseren belehrt. Unter der 50 g-Decke liegt nun eine mit 200 Gramm. Warum zwei Decken? Die Antwort findet ihr hier. Das Pferd ist schön warm unter seiner Tuchent, es steht nun wieder zufrieden am Fenster ohne dem Zug auszuweichen. Und das Beste daran ist, federleichtes Reiten ist zurück!

Genau hinschauen

Es ist aber nicht das erste Mal, dass ich erlebe, wie ein Pferd friert. Man sieht es Pferden an, wenn sie frieren. Das Gesicht verkniffen, die Haltung unterwürfig, den Schweif eingezogen bis hin zum Zittern gibt es unterschiedliche Signale, an denen wir erkennen können, wenn etwas nicht stimmt.

Was hatte ich damals für Diskussionen als der Wenzel* das Pferdekind stundenlang in der eisigen Kälte, dem Wind frontal ausgesetzt ohne Unterstand und Nahrung mit dem Hintern gegen den Wind stand, mit angelegten Ohren. Nein, es sei nicht möglich, das Pferdekind später rauszustellen oder früher zurück in den Stall zu holen. Das Pferdekind blieb dann lieber drinnen. Das hat er übrigens auch schon als Zweijähriger so gehalten. Im eisigen Winter von 2016 auf 2017 ist er einfach wie ein Ziegenbock in der Stallgasse gestanden und nicht mehr weiter gegangen. Hat man ihn gezwungen, hat er sich – kaum im Hof – auf die Hinterbeine gestellt und den wilden Mann gegeben. Meistens hat das genügt. Man hat ihn zurück in seine Box gebracht. Und nein, ich habe den Zweijährigen nicht zugedeckt. Heute würde ich es vielleicht machen.

Mit seiner Mutter hatte ich ebenfalls ein Kälte-Erlebnis. Vor einigen Jahren ist der Winter mit kräftigem Schneefall im April zurück gekehrt. Die Stute hatte schon Sommerfell und den heftigen Schneefall nicht gut ausgehalten. Sie hat beim Ausritt begonnen wie Espenlaub zu zittern. Mein erster Gedanke war Kreuzschlag. Zum Glück war der Tierarzt gerade im Stall, er hat die Lage sofort erkannt: „Deine Puppe, die friert. Stell sie mal eine Viertel Stunde unters Solarium, dann geht es ihr gleich besser.“ Glücklicherweise war die Diagnose goldrichtig.

Die Wissenschaft

Selbst der Wissenschafter Chris Walzer von der Vetmeduni Vienna hat vor einigen Jahren in einem Vortrag über Kälteeinflüsse aufs Pferd referiert. Er begleitet seit vielen Jahren die Wiederansiedelung der Przewalskis in ihrer ursprünglichen Heimat, der Wüste Gobi. Dort ist es im Winter richtig kalt – minus 40 Grad! Unsere domestizierten Pferde hätten nur dann eine Überlebenschance, sagte er, wenn sie genügend Raufutter zugefüttert bekämen. Und nur dann. Das (und nicht nur das) unterscheide unsere Sportpferde grundlegend vom Przewalski.

Eh klar, dass mein Pferdemann warm eingedeckt bleibt, damit er sich wohl fühlt. Das Futter haben wir ebenfalls angepasst, ausreichend Energie ist ein absolutes Muss in Kälteperioden. Übrigens: Die beste Unterlage für Schnee ist Bodenfrost. Dann können unsere Pferde die Schneedecke beim Laufen und Wälzen so richtig genießen.

Persönliche Temperaturskala für Pferdedecken

  • +10 Grad und darüber –> keine Decke
  • +5-10 Grad –> 0g-Decke
  • 0-5 Grad –> 50g-Decke
  • +/- Gefrierpunkt (Morgenfrost) –> 100g-Decke
  • -10 Grad –> 200-250g-Decke
  • unter -10 Grad –> 300-400g-Decke

Abhängig vom Pferd, Windstärke und „gefühlter Temperatur“. Merke: Das Pferd sagt es uns jeden Tag. Man muss nur hinschauen.


Text und Foto: Andrea Kerssenbrock

* Wenzel = Mensch, der von Pferden nur soviel versteht, wie es unbedingt notwendig ist, um Menschen die noch weniger von Pferden verstehen, zu beeindrucken. Der Pferdemann steht übrigens in einem sehr gut geführten Reitstall und muss sich mit keinem Wenzel herumschlagen. Ergänzung zur Erstveröffentlichung (2019)