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The Wall – Die Mauer

The Wall – Die Mauer

Die Mauer des Herrn T. deprimiert mich. Mein Artikel über den Reiz der Macht, pardon, den Reiz der Mächtigkeit bringt mich zurück zur Sachlichkeit. Und kurz auch zur Winterpause.

Rechereche über die Mächtigkeitsspringprüfung, 2013. Ganz ehrlich – haben Menschen nicht schon immer Spektakel und Rekorde gesucht? Und glaubt wirklich jemand, dass Stürze oder Verletzungen von Reitern billigend in Kauf genommen werden? Zumindest diese Frage lässt sich klar beantworten: Kein Reiter, keine Reiterin, kein Pferdebesitzer möchte seinem Pferd schaden. Jedes verletzte oder gar untaugliche Pferd ist für seinen Reiter und für den Sport an sich ein Verlust. Denn neben jahrelanger Zusammenarbeit, gemeinsam erlebter Höhen und Tiefen und natürlich auch wirtschaftlicher Interessen ist die Pferd-Reiter-Beziehung eine zutiefst emotionale.

Frei von Emotionen sieht Dr. Clemens Mahringer, Fachtierarzt für Pferde und FEI Tierarzt, die Diskussion um das Für und Wider der Mächtigkeit. Er benennt das Ausmaß der Belastungen kurz und prägnant: „Pure Physik“. Denn letztlich ist es die Summe der Belastungen, die für ein Pferd bewältigbar sind – oder eben nicht. Dazu zählen neben der Anzahl der Sprünge die Dosis der Bewerbe, das höhere Tempo, knifflige Distanzen zwischen den Hindernissen sowie enge Wendungen. Ferner beobachtet Mahringer, dass Parcoursbauer immer trickreicher wie auch technisch anspruchsvoller bauen. Fazit: Für das Pferd ist die Belastung in herkömmlichen Springprüfungen „mindestens indent“ mit jener in Sb-Prüfungen.

Klar ist für den Tierarzt auch, dass jedes Pferd nur in „mental bewältigbaren“ Aufgaben eingesetzt werden kann. Insbesondere das Mächtigkeitspferd ist ein Spezialist, dessen besondere Fähigkeiten sich erst im Laufe der Zeit herauskristallisieren. Es braucht neben seinem Vermögen viel Mut wie etwa Josef Konlechner, Sieger in mehreren Mächtigkeitsspringen, betont. Sein sprunggewaltiger Schimmel Lance Missile hatte alles, was ein Mächtigkeitspferd braucht. „Wenn der die Mauer sieht, gehen die Ohren vor. Der hat richtig Biss und will da drüber“, so Konlechner. „Zwingen kann man ein Pferd nicht, keine Chance.“ Seine Erfahrungen stützen sich auf jahrzehntelange Arbeit mit und Ausbildung von Pferden im Leistungssport.

Dass ein Profi im Sattel sitzt, macht des Schimmels Leben möglicherweise einen Tick komfortabler als jenes zahlreicher Freizeitpferde. Schließlich weiß der Berufsreiter um Bedürfnisse und Befindlichkeiten seiner Vierbeiner bestens Bescheid. Die Höhe trainiert Konlechner nie mit ihm. Vielmehr wird der Wallach gewissenhaft gymnastiziert, alle 14 Tage gesprungen und regelmäßig ausgeritten. Er hat jeden Grund sein Pferd fit und bei Laune zu halten. Denn das gesunde, motivierte Pferd ist Voraussetzung für den gemeinsamen Erfolg. Ein einzelner Zufallstreffer ist niemals das Ziel des Berufsreiters. Sein Anliegen sind konstante Leistungen. Mächtigkeitspferde sind auffallend oft gegen 15 Jahre oder älter. Meist kristallisiert sich die enorme Sprungkraft über einzelne Hindernisse zufällig heraus. Doppelbegabungen kommen vor, sind aber eher selten.

Roland Fischers Ikarus war so ein Doppeltalent. Fischer erinnert sich gerne an seinen Mächtigkeitscrack, der es auf über 20 Sb-Siege brachte, den letzten im stolzen Pferdealter von 19 Jahren. Daneben startete er bei zwei Europameisterschaften (Aachen und Hickstead) und wurde mit der Mannschaft Dritter bei den olympischen Ersatzspielen in Rotterdam. „Der war echt ein harter Hund, eine richtige Rossnatur“. Nach seiner Zeit im internationalen Sport erlebte der Wallach seinen 33. Geburtstag bei bester Gesundheit bis er aufgrund von Orientierungs- und Hilflosigkeit eingeschläfert werden musste. Rechnet man nach, ergeben das ebensoviele Koppel- wie Turnierjahre – und das ohne Sportverletzungen und organische Leiden.

Ein ähnliches „Schicksal“ war auch Fischers Big Charly beschieden, der ebenso fit wie Stallgenosse Ikarus seine aktiven Jahre im Spitzensport absolvierte. 18jähre platzierte er sich als Lehrpferd mit einer jungen Reiterin im Freudenauer Derby. Für Roland Fischer ist dies nur logisch, denn er arbeitet seine Pferde wie Sportler. Sie haben keinen Stehtag, aber eine Winterpause. Daran halten die Fischers seit Jahren fest – „wie früher“, sagt der Familienvater, dessen Kinder mittlerweile ebenfalls erfolgreich im Sport reiten. Für ihn ist es das schönstes Gefühl, wenn die Pferde im Herbst topfit sind. Wenn sie die Pause nicht brauchen, aber bekommen.

Gesundheit und Leistung

FEI Tierarzt Mahringer kann sich an keine Mächtigkeitsprüfung erinnern, in der sich ein Pferd verletzt hat. Hingegen behandelt er laufend Verletzungen von Pferden aus verschiedenen anderen Disziplinen. Mahringer findet ohnedies den Profisport vielfach verantwortungsvoller als den Amateursport.

Roland Fischer weiß, dass es nicht nur Sportler unter Reitern gibt, sondern auch Pferde, die Sportler sind. Finden sich die beiden, ist es ideal: „Man trainiert, wenn das Pferd Talent zeigt. Und man fördert es auch, wenn man selber Sportler ist.“ „Genug Pferde könnten mehr leisten“, ist er sich sicher. „Es ist ein Trugschluss zu glauben ein Pferdeleben sei besser, weil das Tier keine Leistung bringen muss.“

Pferde im Leistungssport, auch Mächtigkeitspferde, sind bestimmt keine gequälten Geschöpfe. Im Gegenteil – sie sind bestversorgte, sorgfältig ausgebildete und dosiert gerittene Partner im Sport. Bis sie schließlich verabschiedet werden, auf einem Turnier, vor dem Publikum, das sie lieben, das sie stets angespornt hat und das ihnen fehlen wird.

Andrea Kerssenbrock

 


Dieser Artikel stammt aus dem Jahr 2013 und wurde in langer Version in der Pferderevue 3/2013 erstmals veröffentlicht.