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Report am Donnerstag

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Zecken – Blut schmeckt gut

Die Pferdeärztin Dr. Bernadette Linsbicher über die widerlichen Plagegeister, den Begriff „falsch positiv“ und wie Alkohol hilft.

Mit den milden Temperaturen steigt die Gefahr des Zeckenbefalls dramatisch an. Der milde Winter hat die lästigen Parasiten weitgehend verschont. Seit Wochen plagen sie uns schon. Nun, so kurz vor der Heuernte, haben Zecken ein wahres Schlaraffenland im hohen Gras. Menschenwade, Pferdebauch, kleiner Hund und großer Hund – alles Blut schmeckt gut. Zuletzt hatte sich eine im sensiblen Bereich des Sattelgurtes an der Stute festgebissen. Zeit für eine Analyse.

Pferdefachtierärztin Bernadette Linsbichler beschreibt das Treiben der milbenartigen Insekten. Zecken sind blutsaugende saisonale Parasiten, von denen es weltweit mehr als 800 (!) Arten gibt. Unter den in Österreich heimischen 17 Arten ist Ixodes ricinus, besser bekannt unter „gemeiner Holzbock“, die am weitesten verbreitete Schildzecke.

Ixodes ricinus sind widerstandsfähig und fortpflanzungsfreudig. Sie verbringen 99 Prozent ihres Lebens auf der Suche nach einem Wirt und können bis zu zwei Jahre hungern – das entspricht immerhin ihrer halben durchschnittlichen Lebenserwartung von vier Jahren. Larven, Nymphen und erwachsene Parasiten halten sich ausschließlich zum Blutsaugen auf ihren Wirten auf. Im Laufe ihres Lebens saugen sie etwa dreimal Blut.

Zeckenlarven befallen vor allem kleine Nagetiere, wie etwa Mäuse. Ist die Maus infiziert und trägt einen Erreger im Blut, so nimmt die Zeckenlarve den Krankheitserreger durch den Saugakt auf. Danach entwickelt sich die Larve zur geschlechtslosen Nymphe, die, um erwachsen werden zu können – erraten! – Blut saugen muss. Mit der Entwicklung der Zecke werden auch die Wirtstiere größer. Nymphen findet man gerne auf Rehen und Hasen. Erst die erwachsene Zecke gibt dabei den Krankheitserreger an den Endwirt ab. Während sie das Blut für ihre Fortpflanzung benötigt, erkrankt der Wirt.

Beim Pferd kommt es durch Zeckenbisse neben lokaler oder systemisch allergischer Reaktionen zu bakteriellen Infektionen und zur Ausbildung lokaler Granulome (Hautknötchen). Die wichtigsten und bekanntesten Infektionen sind Anaplasmose, Babesiose und Borreliose, wobei die Anaplasmose beim Pferd in Österreich am häufigsten anzutreffen ist.

Bei den Erregern der Anaplasmose, auch bekannt unter „garnulozytäre Ehrlichiose“ handelt es sich um Bakterien, die in Entzündungszellen im Blut leben. Im Vordergrund stehen klinische Symptome wie hohes Fieber, Bewegungsunlust, Gliedmassenödeme und apathisches Verhalten. Bei Pferden, die diese Erkrankung in sich tragen, kann die Krankheit immer wieder aufflackern. Als systemische allergische Reaktionen treten häufig Nesselausschlag am ganzen Körper, Quaddeln, Schwellungen im Nüsternbereich mit Atemnot auf. Lokale Reaktionen können sehr unterschiedlich sein und variieren im Schweregrad von lokalen Hautverdickungen bis hin zu nässenden Krusten, eitrigen Belägen und der Ausbildung von Geschwüren.

Bei der weithin gefürchteten Borreliose (korrekt Lyme-Borreliose) handelt es sich um eine bakterielle Infektionserkrankung. Wenngleich die Diagnose häufig gestellt wird, gestaltet sich die Diagnostik der Erkrankung nach wie vor schwierig. Denn selbst in gesunden Pferdepopulationen werden Tiere als positiv auf Borrelia getestet. Daneben wird auch eine Vielzahl an klinischen Symptomen mit einer Borrelieninfektion in Verbindung gebracht – so etwa Leistungsminderung, chronische und intermittierende Lahmheiten, Hautveränderungen, Augenprobleme, Herzprobleme und sogar neurologischen Ausfallserscheinungen. Es ist daher von zahlreichen „falsch positiven“ Diagnosen auszugehen.

Weiters auf dem Vormarsch ist die Babesiose oder Piroplasmose, die – nicht zuletzt unterstützt durch globale Reisefreudigkeit aus den Tropen und Suptropen nun auch in unsere gemäßigten Klimazonen vordringt. Die Erreger leben in den roten Blutzellen der Wirte und können Symptome wie Fieber, Fressunlust, Erhöhung der Atem- und Herzfrequenz auslösen. Auch Depression, Rotfärbung des Harns (durch die Ausscheidung von rotem Blutfarbstoff über die Niere) und Gewichtsverlust bei chronischen Verlauf sind Anzeichen der Babesiose. Infizierte Tiere bleiben oft lange Zeit Träger der Erkrankung und stellen so wiederum Infektionsquellen für hiesige Zeckenarten dar.

Am besten helfen wir unseren Pferden durch gewissenhafte Kontrolle und prompte manuelle Entfernung mittels Zeckenzange. TIPP: Blutsauger mittels Alkohol oder Äther „betäuben“, um die Kauwerkzeuge zu lähmen. Abgerissene Kauwerkzeuge, die in der Haut verbleiben, können zu lästigen Hautgeschwüren führen.

Als zeckenwirksame Mittel zur äußeren Anwendung am Tier eignen sich Ektoparasitika auf der Basis von Pyrethroiden (Permethrin, Flumethrin, Deltamethrin, Cypermethrin), Carbamidsäureestern, Amitraz sowie Avermectine.

Die prall gefüllten Zecken, die wir im Fell unserer Tiere oder – bereits abgefallen auf Fußboden, Teppich oder im Kofferraum – finden, sind übrigens Schildzeckenweibchen. Sie nehmen große Mengen Blut auf bevor sie ihre etwa 3.000 Eier ablagern. Dabei vergrößern sie ihr Körpervolumen auf das 200fache! Schildzeckenmännchen sind diesbezüglich zurückhaltender. Sie befallen Säugetiere hauptsächlich zur Suche nach einem paarungsbereiten Weibchen. Nach der Paarung sterben sie. Das Leben der Weibchen ist nach der Eiablage beendet.

Übrig bleiben Wiesen und Sträucher voller Zeckeneier. Die Plage geht nahtlos in die nächste Generation über.   Bernadette Linsbichler

 

Kontakt

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Dr. Bernadette Linsbichler
Rochusstrasse 6/6
7100 Neusiedl am See
0043 664 73325757
kontakt@pferdearzt.at
www.pferdearzt.at

 

 

2 Comments

  1. Alexandra Hirsch 10/06/2016

    Sehr umfangreicher Artikel! Dort, wo sich die Menschen am meisten Sorgen machen, ist glaube ich der Knackpunkt: Welche Mittel zum Schutz verabreichen, die nicht selber schaden?!? LG.

    1. Jeannie 04/07/2016

      Pleasing to find someone who can think like that

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