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Junge Wilde so sanft

Junge Wilde so sanft

Das eigene Pferdekind so sensibel und klug. Was man im Laufe der ersten drei Jahre durchlebt und erfährt.

Genau genommen sind es ja erst zweieinhalb Jahre, die das Pferdekind auf der Welt ist. Da die klugen Ratschläge schon beginnen, bevor das Fohlen geboren ist, sind es insgesamt doch drei Jahre, die ich mit schlaflosen Nächten, klugen Büchern, wohlgemeinten Empfehlungen und dummen Sprüchen verbringe. Aus dem entzückenden Hengstfohlen ist ein schlaksiger Wallach geworden. Ein reizender, schlaksiger Wallach!

Frisch geboren waren seine Hinterbeine zugegebenermaßen beängstigend verbogen. Noch beängstigender waren nur die Kommentare jener, die ich nie um ihren Rat gefragt hatte. Die Besitzerin des Hengstes dessen Samen wir ausgesucht hatten, quasi die Schwiegermutter der Stute, konnte mich beruhigen. Meiner Tierärztin ebenfalls. Die Beine des Fohlens wurden von allein gerade und der Kleine ein Springinkerl. Nervig, fand das die Stallbesitzerin und maßregelte mich mit vorwurfsvollen Blicken.

Die Trennung von der Stute war unser aller Trauma. „So dinn is er goar nit, nur a komisch Gschtöh hot a hoit“ (und er war doch zu dünn). Langsam wächst er sich zusammen. Wie ein echter Halbstarker zeigte er eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber  Menschen, die keine Ahnung von Pferden haben. Das kam ziemlich schlecht. Man erwartete erzieherische Maßnahmen meinerseits. Und Übungen zur Stärkung des Selbstbewusstseins. Fragt sich nur welches. Ich verweigerte. (Siehe: Das Pferdekind friert)

Ich finde Koppel, Kumpels und korrekter Umgang reichen. Im richtigen Setting war die Zufriedenheit gleich wieder da. Niemand musste den Jungen zähmen. So sensibel und so froh war er, wieder unter Pferdemenschen zu sein. Die Kastrationswunde ist bestens verheilt, und demnächst geht es zurück auf die Weide. Zu den Kumpels.

Alles geht ganz leicht. Momentan. Und das andere lernen wir ihm später.


Text & Foto: Andrea Kerssenbrock