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Frisst dich ein Hirsch!

Frisst dich ein Hirsch!

Viel Advent bedeutet wenig Pferd, reiten in der Nacht und wilde Begegnungen.

Für berufstätige Mütter ist grad Hochsaison. Für berufstätige, reitende Mütter ist ferner Nachtsaison. Berufstätige, reitende Mütter wissen, was ich meine. Die Stute hat das auch schon bemerkt. Sie kommt zu kurz, und lässt es mich spüren. Immerhin, sie freut sich selbst spätabends noch, wenn ich komme. Sie hebt den Kopf, sobald ich durch das Stalltor gehe und sie meine Stimme hört. Dann blubbert sie und schaut mich an mit diesem Blick. Sie blinzelt, weil das Licht sie blendet. Und ich bin froh, dass ich gesiegt habe, und nicht mein Schweinehund.

Zuhause war es wohlig warm und einen flüchtigen Gedanken lang – dass ein Koppeltag mehr der Stute wohl auch nicht schaden würde – wäre ich der Versuchung beinahe erlegen und nicht mehr in den Stall gefahren. Wenig später trotze ich dem Nebel. Mein Horselander* warnt vor Bodenfrost, dunkle Wienerwald-Kurven liegen vor uns. Die Sitzheizung wärmt mir den Hintern und ich denke mit Schaudern an die kalten Runden, die ich in wenigen Minuten in der Halle drehen werde.

Die Stute vermisst die schönen Runden im Wald auch. Gemeinsam gehen wir dann doch in die Dunkelheit, der Pfleger findet das weniger prickelnd. „Bist narrisch?“, fragt er, „Frisst dich ein Hirsch!“ Ich hab aber eh den Hund dabei. Und die Stute verlässt sich ganz und gar auf mich. Schön ist das, und ich bin froh, nun doch im Sattel zu sitzen. Die Runde ist zugegeben überschaubar. Auf den Mond war auch schon mal mehr Verlass. „Creepy“, sagt das Nachwuchs-XYpsilon dazu.

Die kurzen Nachtritte nach den langen Arbeitstagen wirken sich mit den Tagen doch aus. Die Stute ist grell am Wochenende. Ziemlich sogar. Sie nimmt jeden am Boden liegenden Ast zum Anlass mit gewaltigem Sprung drüber zu setzen und möglichst noch ein paar Freudensprünge dranzuhängen. Es liegt in der Natur der Jahreszeit, dass es hie und da knistert, dass es knackst, der Wind pfeift und lange Schatten lauern. Sobald ich die Zügel aufnehme, ladet sie die Batterien nochmal extra nach, sie rollt sich auf und lässt die Schenkel an sich abprallen. Lange Galoppaden machen ihr erst so richtig Pfeffer. Ich stelle mich in die Bügel und spüre die Energie. Wenn die Stute unter Strom ist, pflegt sie das auch zu bleiben. Da kommen ihr die Schafe vom Nachbarn gerade recht.

Nur dem Hirsch sind wir nicht begegnet. Aber immerhin, wir sind darauf vorbereitet.


*Horselander: Mitsubishi Outlander von Megadenzel Erdberg
Beitragsfoto © Philip Swinborn