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Distanzen

Distanzen

Sophie Mauritsch ist Distanzreiterin, Staatsmeisterin und Österreichs erste Tevis Cup Finisherin. Portrait einer Reiterin mit großen Gefühlen.

Was an Sophie Mauritsch zuerst auffällt, ist ihre Zurückhaltung. Pferde, ihr Labrador und die Liebe zu Tieren im Besonderen, das sind ihre Themen. Mit warmer Stimme erzählt Sophie von ihrem Leben in der Geborgenheit einer Familie, aus dem Pferde nicht wegzudenken sind. Mutter Christine und Vater Alexander haben sich schon in den Neunzigerjahren für den Distanzsport begeistert. Die Töchter haben es ihnen gleich getan. Sophie hat schon im „Bauch meiner Mutter zu reiten begonnen“. Nur Bruder Alexander pflegt seine Naturverbundenheit mehr am Fischwasser als im Pferdestall.

Von Anfang an dabei, erlebten die Mauritsch Schwestern sämtliche Höhen und Tiefen des Distanzreitsports. Maria, heute Tierärztin, war 1994 beim ersten Wüstenmarathon am Start, „Das war pures Dschundern durch die Wüste“, erinnert sich Sophie an Erzählungen. Sie selbst war gerade einmal vier Jahre alt als in Doha, der Hauptstadt des Emirats Katar, der arabische Distanzfrühling startete. Trainiert wurde auf der Prater Hauptallee. Dalmaz, Sohn der Mauritschen Stammstute Dvina kam zwar nicht ins Ziel, aber heil zurück. Andere Pferde hat der Sand regelrecht verschluckt. „Es war der Horror. Es gab unglaubliche Regenfälle vor dem Rennen, und die Reiter sind einfach im Sand versunken.“ „Wir haben später eines unser Pferde Doha getauft, als Erinnerung“, so Sophie.

Die Pferde der Familie in eine Reihenfolge zu bekommen ist nicht ganz einfach. Zuerst kam Dvina, eine recht sportliche Araberstute. Mit ihr begann die Leidenschaft für Distanzrennen. Als sie vergangenes Jahr im Alter von 31 Jahren starb, war das eine rechte Tragödie, „Bis dahin hatten wir noch nie ein Pferd verloren“. Die Talfahrt setzte sich mit Sophies schwerem Reitunfall und dem Verlust ihres erst drei Jahre alten Hundes wenige Tage später fort.

„Ich bin beim Anreiten unseres Hengstes runtergefallen. Eigentlich war er schon ganz brav, auch im Galopp. Er hatte nur beim Aufsteigen Probleme, man durfte ihn dabei nicht halten.“ Sophie erwischte ihn mit ihrem Fuß am Rücken und stürzte als das Pferd lospreschte. „Ich hab sofort gespürt, dass da was war (der Lendenwirbel war gebrochen, Anm.). Ich hab geschrien – normalerweise bin ich gar nicht so. Manhattan hat das wahnsinnig mitgenommen.“ Es ist ganz typisch für die 25-Jährige, dass sie selbst in dieser Situation Empathie für ihr Pferd empfinden konnte. „Da sieht man wie sensibel Pferde sind. Er hat alles mitbekommen, das Trara mit der Rettung, die Stimmung. Mein Vater musste ihn zurück in den Stall bringen, weil er sich so aufgeregt hat. Seitdem hat er ein Trauma beim Aufsitzen.“

Dann kam Amerika. Drei Monate Pause vom Sport folgten dem Unfall – eine Zeit, in der der Traum vom Tevis Cup mehr denn je Gestalt annehmen sollte. „Im Juni zu meinem Geburtstag habe ich mit allem angefangen – Rad fahren, reiten, laufen.“ Ihr Vater hatte Sophie von Anfang unterstützt, wollte selbst einmal den Tevis Cup erleben. Diese Idee hatte auch ihn nicht mehr losgelassen. „Papa träumt immer noch, er schaut sich jeden Tag die Fotos an.“

Der Tevis Cup

Im Sommer 2014 war es soweit. Vater und Tochter flogen nach Kalifornien und bereiteten sich einige Wochen lang auf den 100-Meiler vor. Sophie hatte mit der Wahl ihres Pferdes Cowboy Bob Riesenglück, ebenso mit dessen Besitzerin Terry – „Sie war so wie ich wäre.“ Es entstand eine tiefe Verbundenheit zwischen den beiden. Terrys Tochter Shannon begleitete Sophie, „Ich hätte auch alleine reiten können, aber es war angenehm mit Shannon. Sie weiß wo man besser längere Pausen einlegt oder wo man weiterreiten kann.“

„Der Tevis Cup ist unter Distanzreitern schon ein großes Ziel. Er ist so eine Art Ultramarathon in einer wahnsinnig schönen Gegend. Es ist der Weg der amerikanischen Pioniere, und die Strecke führt über einen Bergkamm. Rund 5.000 Höhenmeter bewältigt man dabei.“

Die Strecke wird an einem Tag geritten. Das bedeutet, dass man auch viele Nachtstunden unterwegs ist. In der Dunkelheit sehen die Pferde mehr als deren Reiter. In den Wäldern wohnen Bären und Berglöwen, Klapperschlangen sind immer wieder zu hören. Dazu kommt die fordernde Landschaft.

Ja, man müsse in der Tat schwindelfrei sein, „das ist schon ziemlich heavy“, erklärt Sophie schlicht. „Wenns dich da runterprackt, ist es aus. Da kann dich niemand retten.“ Immerhin gibt es die Möglichkeit vor Ort eine Versicherung abschließen. „Die kostet 30 Dollar und man wird mit dem Hubschrauber geborgen. Die Amerikaner sind da sehr konsequent. Wer nicht abschließt, wartet eben auf seine Rettung.“ Generell sei die ganze Region auf den Beinen, rund 800 Freiwillige helfen, es ist der Jahresevent schlechthin, „ Alle sind hilfsbereit, es ist ein unglaubliches Feeling“.

Die Pferde werden pausenlos durchgecheckt, das erste große Vet Gate ist Robinson Flat nach zirka 60 km. „Das ist auch das schönste Drittel zum Reiten. Man ist noch ziemlich zusammen, plaudert viel und so. Der zweite Teil ist der anstrengendste, weil es dreimal den Canyon rauf und runter geht. Man kommt auch an dem großen Felsen vorbei. Cuga Rock, von dem alle ein Foto wollen. Ich hab’s nicht gemacht, bin den Alternativweg gegangen, der kostet keine Zeit und ist weniger riskant.“ Es habe sich gerade auch ein Reiter mit einem Muli abgeplagt am Felsen. Wie überhaupt einige Mulis mitmachen, neben Arabern und Vollblutarabern.

Mit Cowboy Bob, für den der Tevis Cup eine Doppelpremiere war – zum ersten Mal die 100 Meilen und zum ersten Mal Tevis Cup –, hatte Sophie das große Los gezogen. Die beiden wurden 17. im Endklassement. „So groß der Unterschied in Amerika auch ist – und es ist wirklich alles anders –, aber die Araber sind wie bei uns. Das ist schon witzig!“ Cowboy würde sie sofort haben wollen, „Aber er gehört dort hin. In die Berge. Ich habe mir Samen von ihm gesichert. Dieses Jahr war er Zehnter, und damit ist er Elite.“ Sophies Augen glänzen. Nächstes Jahr will sie wieder dabei sein.

Herzenspferde

Inzwischen hat sie zu Hause gut zu tun. Dalmaz, Sohn der Dvina, ist einer der Stars im Stall Mauritsch. 2001 war er Staatsmeister mit Maria. Er war mit Maria auch bei Welt- und Europameisterschaften. Mit ihm hat die zwölfjährige Sophie ihren ersten großen Ritt bewältigt, 100 km waren das. Vollschwester Darika ist das Pferd der Mutter, sie wurde zweimal Vizestaatsmeisterin. Sophies Stute Dalmatina ist eine weitere Tochter des Dalmaz.

Die spanische Stute Jima ist Sophies Staatsmeisterpferd 2015, auch sie ein Herzenspferd. Hat sie doch ihr Vater der Mutter zum Hochzeitstag geschenkt. Ebenfalls aus Spanien hat die Familie den Angloaraber Aldeano importiert, der in einem sehr schlimmen Zustand war. Er hat ein paar Jahre gebraucht, um zu einem schönen, leistungsfähigen Pferd zu werden.

„Aldi ist mein Seelenverwandter, mein Partner fürs Leben, mein Star“, sagt Sophie. Er ist zu einem Ausnahmepferd geworden, „ein übernatürliches Pferd, man kann sich mit ihm fünf Stunden unterhalten, er versteht alles.“ Nach einem Hüftbruch war die lange Pause, das Nichtstun eine Qual für ihn. Eines Tages – die Familie war im Aufbruch zum Turnier, hat er den Hänger bestiegen und beschlossen wieder zu laufen. Sophie ist heute noch zu Tränen gerührt: „Aldi ist nur glücklich, wenn er dran kommt. Er wollte wieder laufen, ich nehme ihn mit dem Jungen mit. Er ist mein Lotto Jackpot und Herzenspferd.“ Er liebt laufen, liebt Distanzen, liebt schwitzen, liebt blasen wenn’s bergauf geht, mag galoppieren, wegfahren. „Da lacht er richtig“, erzählt Sophie – und man spürt es einmal mehr. Sie ist nur glücklich, wenn es auch ihre Pferde sind.

Der nächste Tevis Cup findet am 23. Juli 2016 statt, www.teviscup.org
Foto: Kumba Visuals

Beitrag vom 17. September 2015