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Die Socke wird jeden Tag cooler

Die Socke wird jeden Tag cooler

Pferde sich ihren Weg suchen lassen – das habe ich in Irland gelernt.

Urlaubszeit. Gerade reite ich den Youngster einer Stallkollegin. Der süße Fuchs ist ein knackiger Kerl mit wirklich höflichem Charakter. Sehr lieb, sehr unkompliziert, meine bevorzugte Größe*. Da bei uns im Stall die Jungen (und auch die Alten) nicht allzu oft ausreiten, hebe ich grad den Durchschnittswert markant an. Ich gehe ganz viel raus und merke: Die Socke wird jeden Tag cooler.

Das mag ich. Meine Erfahrung zeigt, Pferde sind dann am gelassensten, wenn sie Vertrauen haben. Nicht nur in den entspannten Reiter, sondern auch in sich selbst. Das gilt für Dressurpferde wie für Geländepferde. Die Stute hat es im reifen Alter noch gelernt, unser Pferdekind soll es ganz selbstverständlich erfahren, die Iren lernen es sogar freilaufend.

Pferdemann Willie, Legende in Irland, macht es vor. Er lässt bei Trails Pferde frei mitlaufen, damit diese lernen, den idealen Weg selbst zu finden, „That’s the whole idea.“ Was nicht nur bei ungeübten Reittouristen Sinn macht, schließlich kennen die Tiere „ihre“ Landschaft am besten. Willie selbst sitzt auf seinem knapp vierjährigen Connemara und reitet voran. Das Pony geht zum ersten Mal an der Spitze. Wenn ihm etwas nicht geheuer ist, reite ich mit Schimmel Spax einfach vorbei und der Youngster folgt uns vertrauensvoll. „Nur keine Aufregung“, sagt Willie.

Ganz meine Rede. Wir haben ein verlässliches Begleitpferd dabei. Während die Stute überaus abgeklärt durch ihr Gelände spaziert, erfährt der Junge jeden Tag ein neues Erlebnis. Im Bach schwimmt ein Entenpärchen. Rehe springen über die Wiese, Fasane flattern. Er erlebt wie der Boden unter ihm raschelt, wie er rutschig, sumpfig oder uneben sein kann. Wenn er seinen schönen Hals wölbt und zögert, dann reicht es ihn kurz schauen zu lassen. Was wohl die Stute dazu sagt? Die Stute sagt ein einfaches „Komm!“. Sie geht neben oder vor ihm, die Zügel sind lang, ihr Körper ist entspannt von den Ohren bis zum Schweif. Das kluge Auge beobachtet. Der Junge sieht es und geht seinen Weg.

Das Gelände bei uns ist nicht wahnsinnig anspruchsvoll, aber vielseitig. Es geht bergauf-bergab. Für Gräben und Gatsch gibt sich der Junge einen Ruck. Baumstämme liegen herum. Die Baumstämme gibt es gar in drei Farben – weiß (Birke), grün (bemoost) und eben baumstammbraun. Wir begegnen außerdem bunten Bienenstöcken, einem Pfandfinderlager mit Tipi und Kramuri davor, Hochständen, bunten Tonnen unter den Hochständen, Holzstößen und Plastikplanen darüber oder daneben. Das sind schon eine Menge Eindrücke für ein junges Dressurpferd.

Sie diese Erfahrungen erleben zu lassen, ist meines Erachtens auch das Geheimnis, das sie zu fröhlichen und selbstbewussten Partnern macht. Zu Strahlemännern, die gerne unter dem Sattel arbeiten und sich zu benehmen wissen. Klar dürfen wir Reiter uns nicht jede Entscheidung abnehmen lassen. Manchmal dürfen wir uns aber einfach tragen lassen und damit unseren Pferden das Gefühl vermitteln, dass sie selbst entscheiden. Das müssen sie schließlich auch in der Herde, ob die nun wild ist oder domestiziert.

Es ist – man kann es nicht oft genug sagen – auch der Weg, den Charlotte und Carl** gehen. Nie mehr als zwei Tage Dressur am Stück, danach wieder hinaus an die Luft. Pferde voller Selbstvertrauen zu erleben, sie zufrieden abschnauben zu hören während sie über lange Strecken am hingegebenen Zügel zügig voran schreiten, das ist Lebensqualität für beide. Und pures Glück!

Text: Andrea Kerssenbrock
Foto: © Matt Benson


 

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